Unter dem Rad der Geschichte

Warum dieses Buch?

Zu seinem Gedenken wurde 1964 in der Allee der Gerechten in Jerusalem ein Baum gepflanzt. 1973 erhielt er das Bundesverdientskreuz I. Klasse. 1975 wurde er Ehrendoktor der Universität Zürich. 1991 verlieh ihm Václav Havel posthum den Masaryk-Orden III. Klasse. 1995 erklärte die UNESCO seinen 100. Geburtstag zum Weltkulturjubiläum. Trotzdem sagt sein Name keinem etwas: Přemysl Pitter.

Mir sagte er auch nichts, bis ich mich auf die Suche nach Literatur über die gemeinsame Geschichte der Deutschen und Tschechen machte und dabei nur zufällig auf seine Autobiografie stieß. Ich habe sie bereits im Januar gelesen, es aber lange nicht fertiggebracht, eine Rezension zu schreiben, obwohl oder möglicherweise gerade weil mir das Gelesene keine Ruhe lässt. Immerzu hatte ich das Gefühl, diesem außergewöhnlichen Menschen mit keinem Wort gerecht werden zu können. Das Gefühl hält an, aber ich möchte, dass Unter dem Rad der Geschichte viele Leser und Leserinnen findet. Es ist ein wichtiges, immer noch aktuelles Buch.

Ich machte mir Gedanken darüber, was eigentlich meine Berufung sei. Nach all den Zufällen, die mir im Kriege das Leben gerettet hatten, gelangte ich zu der Erkenntnis: Mein Leben gehört nicht mehr mir. Und so hielt ich Ausschau, wem ich es widmen könne.

Wer war Přemysl Pitter?

Přemysl Pitter (1895–1976) war ein tschechischer Humanist, Pädagoge und Prediger, der sich zeitlebens für Andere engagierte, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Unabhängig davon, ob sie tschechischer oder deutscher Herkunft waren, christlichen oder jüdischen Glaubens, Pitter setzte sich für ihr Recht auf eine würdige Behandlung und Bildung ein.

Aufgrund seiner Erlebnisse im Ersten Weltkrieg wurde Pitter zum Pazifisten und nahm nach Kriegsende ein Studium der Evangelischen Theologie auf. Er war in der internationalen Bewegung der Kriegsdienstverweigerer aktiv und setzte sich auf verschiedene Weise für Gewaltfreiheit ein. Für nicht ganz zwanzig Jahre war er Redakteur und Herausgeber der Sbratření (Verbrüderung), einer Zeitschrift mit dem Ziel geistiger und gesellschaftlicher Erneuerung.

Im Prager Arbeiterstadtteil Žižkov war Pitter in den dreißiger Jahren in der Kinderfürsorge tätig, wo er mit sozial gefährdeten Kindern und Jugendlichen in Kontakt kam. Um für diese eine umfassende Betreuung anbieten zu können, vor allem präventiver Art, setzte sich Pitter für die Errichtung einer eigenen Tagesstätte ein. Das Milíč-Haus wurde 1933 eröffnet und nur wenige Jahre später folgte ein Erholungsheim außerhalb Prags, wo in den Sommerferien auch Ferienlager organisiert wurden. Die Gelder dafür kamen Großteils über Spenden zusammen, die ErzieherInnen arbeiteten unentgeltlich auf freiwilliger Basis.

Wenn Kriminalität und Missachtung der Gesetze anwachsen, ist das stets ein Zeichen dafür, dass in eben dieser Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist; dass die Mächtigen und Reichen gegenüber der Mühsal der Schwachen und Enterbten gleichgültig sind.

Da Pitter seit dem Einmarsch der Nationalsozialisten verfolgte jüdische Familien unterstützte, wurde er von der Gestapo beobachtet und wiederholt verhaftet und verhört. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges ließ er für elternlose jüdische Kinder aus Konzentrationslagern Erholungsheime einrichten, zu welchem Zweck ihm vier verlassene Schlösser südlich der Stadt übergeben wurden. Er nahm aber auch mehrere Hundert deutsche Kinder aus Internierungslagern auf, die andernfalls der Rachewillkür der Nachkriegszeit zum Opfer gefallen wären. Bis zu seinem Weggang aus der Tschechoslowakei bemühte sich Pitter um eine Zusammenführung dieser mit ihren Eltern oder anderen Verwandten.

Nach Kriegsende bis 1947 hatten Pitter und seine MitarbeiterInnen etwa 800 Kinder in den Erholungsheimen versorgt. Mit der Machtübernahme der Kommunisten wurde Pitters Arbeit jedoch zunehmend schwierig. Schließlich flüchtete er im Jahr 1951 nach Westdeutschland und ging von dort später in die Schweiz. Er kehrte nie in sein Heimatland zurück. Aus dem Exil engagierte er sich weiter und setzte sich beispielsweise für eine Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen ein.

Die deutsche Seele war krank; umso mehr brauchte sie deshalb ein Entgegenkommen der Welt, das Verständnis für ihre Schmerzen. Nur das Böse sollen wir von uns weisen; niemals jedoch jene, die ihm erlegen sind.

Worum geht’s?

Přemysl Pitter verfasste seine Autobiografie Unter dem Rad der Geschichte 1970 im Schweizer Exil, nur wenige Jahre vor seinem Tod. Seine Aufzeichnungen beginnen mit dem ersten Kriegsjahr 1914 und enden mit dem Prager Frühling 1968.

In chronologischen Kapiteln erzählt er aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und wie er zu einem Pazifisten und Anhänger der Kriegsdienstverweigerer wurde, warum er sich für ein Studium der Theologie entschloss und wie er in den zwanziger und dreißiger Jahren in der Kinderfürsorge tätig war, wo in diesem Zusammenhang unter anderem das Milíč-Haus gegründet wurde. Er berichtet vom Einmarsch der Deutschen und der Errichtung von Hitlers Protektorat, der Verfolgung jüdischer Familien und seinen Bemühungen, diesen zu helfen, wohlwissend, dass es ihn das Leben kosten könnte. Mit dem Niedergang des Dritten Reiches ruft er die „Aktion Schlösser“ ins Leben. Er beschreibt, wie es dazu kam und wie das Vorhaben trotz einiger Widerstände – insbesondere hinsichtlich der Fürsorge, die er deutschen Kindern zuteil werden ließ – realisiert und bewältigt werden konnte. Mit der Machtübernahme der Kommunisten wird er mit neuen Problemen konfrontiert. Seine Arbeit wird von den Behörden bewusst ausgebremst und schließlich verboten, was ihn zur Flucht zwingt. Im letzten Kapitel kommt er auf seine Arbeit aus dem Exil heraus zu sprechen, insbesondere im Lager Valka in Nürnberg.

Was für eine grenzenlose geistige und seelische Verarmung bedeutet doch die Tatsache, dass es heute noch auf der Welt Hundertausende von Menschen gibt, die gezwungen sind, ein Lagerleben zu führen! Opfer von Terrror und Krieg sind nicht nur die unzähligen Gefallenen, Verwundeten und Gefangenen, sondern auch jene anderen, die angeblich davongekommen sind, seelisch jedoch in Lagern zu Grund gehen.

Wie liest es sich?

Pitters Lebensbericht ist konzise und doch eindringlich. Er hält an wichtigen Stellen inne, gerät aber nie ins Schwafeln. Stets strahlt sein christliches, aber mehr noch sein humanistisches Denken aus seinen Darstellungen heraus. Beim Lesen kann man spüren, wie Pitter von diesen Werten getragen wurde, welche Kraft und Zuversicht sie ihm gaben. Es wird deutlich, dass er sich zu jeder Zeit der Gefahr bewusst war, in der er sich befand und dass er sich mit Schläue, Hilfe von außen, aber auch unfassbarem Glück den Repressionen der jeweiligen Machthaber sehr lange Zeit entziehen konnte. Erst im Kommunismus wurde er in die Knie gezwunden, agierte im Exil aber beharrlich weiter.

Immer wieder kommt er auf seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sprechen, insbesondere Olga Fierz, auf viele HelferInnen und GeldgeberInnen, ohne die seine verschiedenen Projekte nicht realisierbar gewesen wären. Wiederholt äußert er eine treue Dankbarkeit gegenüber diesen Menschen.

Přemysl Pitter war ein mutiger, selbstloser Mann mit Klarsicht und einem aufgeklärten Geist. Das wird auf jeder Seite, in jedem seiner Gedanken deutlich. Seine autobiografischen Schilderungen regen zum Nachdenken an, vor allem aber bleibt man tief bewegt zurück.

Das Böse in seinem Wesen und seinen Auswirkungen zu erkennen und dabei ein brüderliches Verhältnis zu allen Menschen zu bewahren – das ist die große Kunst, die wir erlernen müssen.

Lohnt es sich?

Ich kann mir vorstellen, dass einige Probleme damit haben könnten, zu einem Buch aus einem christlichen Verlag zu greifen. Aber bitte, lasst eure Vorbehalte beiseite und tut es: Lest diese Autobiografie! Sie erschüttert bis ins tiefste Innere und gibt zugleich unvergleichliche Hoffnung. Hoffnung darauf, dass es auch in den dunkelsten Zeiten immer Menschen wie Přemysl Pitter und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben wird. Ich haben selten so viel geweint beim Lesen und gleichzeit ein solches Maß an Dankbarkeit empfunden. Unter dem Rad der Geschichte ist eine Autobiografie, die mich nie wieder loslassen wird.

Fragt diese Menschen, warum sie aus der Heimat geflohen sind – vielleicht können sie es euch nicht einmal so erklären, dass Ihr es versteht. Haben sie zu Hause Hunger gehabt? Mangel gelitten? Sie werden euch sagen: Das ließ sich aushalten. Was sich jedoch nicht aushalten lässt, das ist der Dauerzustand der Unfreiheit und der geistigen Not.


Weitere Infos

Auf der Seite des Pitter-Archivs erfährt man auch ein wenig über Pitters MitarbeiterInnen, die Erholungsheime und ein paar Kinder, die dank seiner Hilfe die Nachkriegszeit überlebt haben. Die englische Seite ist leider etwas mangelhaft, aber dennoch interessant. Schön sind auch die zahlreichen Bilder.

Pitters engste Vertraute und langjährigste Helferin war die Schweizerin Olga Fierz (1900–1990). Auf Grundlage ihrer Aufzeichnungen kam 2000 im Vitalis Verlag das Buch Kinderschicksale in den Wirren der Nachkriegszeit heraus.

Der Prager Schriftsteller Pavel Kohn (*1929) suchte ehemalige jüdische Schützlinge Pitters in Israel auf und ließ sie erzählen, daraus entstand Schlösser der Hoffnung: Die geretteten Kinder des Přemysl Pitter erinnern sich (erschienen im Herbig Verlag, 2016).


Přemysl Pitter: Unter dem Rad der Geschichte. Autobiografie.
Neufeld Verlag (2017).

Zur Leseprobe geht es hier entlang.


Wenn du noch mehr tschechische Autoren und Autorinnen entdecken möchtest, dann stöbere doch mal in der Kategorie Ahoj Leipzig.