Gezeitenwechsel

Warum dieses Buch?

Auf den Roman Gezeitenwechsel der schottischen Autorin Sarah Moss wäre ich zwischen den vielen vielen Neuerscheinungen wahrscheinlich nie wirklich aufmerksam geworden, wenn ich nicht eines Tages Überraschungspost vom Mare Verlag im Briefkasten gehabt hätte. Zu verdanken habe ich das wiederum der Übersetzerin des Werkes, Nicole Seifert, die euch vielleicht besser unter ihrem Instagram-Namen nachtundtag.blog bekannt ist.

Worum geht’s?

Adam Goldsmith ist in seinen Vierzigern, Ehemann einer überarbeiteten Ärztin und freiberuflicher Dozent an der Universität. Vor allem jedoch ist er Vater und Hausmann. Als er eines Tages mit den Worten „Es ist etwas passiert“ einen Anruf aus der Schule bekommt, ändert sich das Familienleben schlagartig. Nur langsam finden alle ihren Weg in die neue Normalität, die Kinder schneller als die Eltern.

Es ist normal, dass Kinder sterben. In Syrien, Palästina, Eritrea und Somalia genau wie an den Flutlinien der Strände von Italien und Griechenland. Oder, wenn wir schon dabei sind, in bestimmten Teilen von Chicago und Los Angeles. Die Welt der Krankenschwestern, die Krankenhausversion der Normalität ist wahr, und was die meisten von uns für normales Leben halten, ist eine Lüge.

Worum geht’s wirklich?

Miriam kippt eines Tages in der Schule um und ist längere Zeit bewusstlos. Im Krankenhaus wird sie gründlich untersucht, zunächst jedoch ohne Resultat. Am Ende lautet die Diagnose Anaphylaxie, eine akute, allergische Reaktion auf einen unbekannten Auslöser. Während sich Miriam betont unbeeindruckt gibt, darauf drängt, endlich zurück nach Hause und später wieder in die Schule zu dürfen, möchte Adam sie am liebsten keinen Augenblick aus den Augen lassen. Er ist in dieser Situation in gewisser Weise auf sich allein zurückgeworfen, da Emma als Ärztin eine andere Herangehensweise an die Diagnose hat. Daraus entsteht eine Spannung zwischen den Eltern, die zusätzlich zu einer Gefahr für die Ehe zu werden droht. Natürlich geht der Beinahetod der Schwester auch an der kleinen Rose nicht spurlos vorüber, welche plötzlich eine Wut gegen die Eltern entwickelt. Und Miriam kann die nach außen getragene Gefasstheit auf die Dauer nicht aufrechthalten.

Adam versucht, soweit das möglich ist, die Normalität in der Familie wiederherzustellen, sagt sich, dass man nicht für den Rest des Lebens in Angst leben kann, und wird seine Angst dennoch nicht los. Nachts steht er auf und geht in die Zimmer der Mädchen, um zu prüfen, ob sie noch atmen. Die Frage, ob Miriam ihren EpiPen dabeihat, wenn sie das Haus verlässt, wird zu einer Art Mantra. Doch nach und nach, in kleinen, behutsamen Schritten gelingt es Adam sowie dem Rest der Familie in der neuen Normalität zu leben.

„Das ist Quatsch. Katzen nehmen doch gar keinen Platz weg.“ „Rose, viele Sachen nehmen kaum Platz weg und trotzdem viel Platz in deinem Leben ein. Babys. Geld. Das Volumen ist kein guter Indikator für eine Kosten-Nutzen-Rechnung.“

Wie liest es sich?

Gezeitenwechsel ist ein sehr feinfühliger Roman. Aus der Perspektive des Familienvaters Adam wird nachvollziehbar geschildert, wie während der Tage im Krankenhaus und in den Wochen und Monate danach, das Leben aller Beteiligter neu ausgerichtet werden muss. Die Charaktere sind dabei jederzeit fassbar und plausibel.

Die Haupthandlung wird mit der Ankunft des Großvaters der Mädchen, Adams Vater, um einen gut gelungenen Erzählstrang erweitert. Der Großvater berichtet von seinem Leben, das ihn als junger Mann in verschiedene Hippie-Kommunen in den USA führte, bevor er seine spätere Frau traf, mit der er nach England übersiedelte. Das Land aus dem seine jüdischen Eltern einstmals vor dem sicheren Tod flüchteten. Ergänzt werden diese Lebensberichte durch gut platzierte Erinnerungen Adams an seine eigene Kindheit und die bereits verstorbene Mutter. Erinnerungen, in denen eine mögliche Antwort auf die Erkrankung der Tochter liegen könnte.
Einen weiteren Erzählstrang bildet Adams Arbeit an einer Abhandlung über die Zerstörung der Kathedrale von Coventry. Der Bezug zum Geschehen wird hier zum einen über das Thema Tod hergestellt, sowie andererseits über die Beobachtung, dass es Schönheit auch dann noch gibt, wenn nicht alles gut ist. Die Ausführlichkeit, mit der die Zerstörung und der Neubau der Kathedrale geschildert werden, war für mein Empfinden leider ein wenig zu umfangreich, obwohl ich die verschiedenen (Zeit)Ebenen in Gezeitenwechsel grundsätzlich wohl durchdacht fand – der Romantitel ist schließlich nicht nur im Hinblick auf das erzählte Jetzt zu verstehen.

Es ist ein vielschichtiger Roman, der einige sensible und kritische Themen anspricht, angefangen bei der Fragilität des Lebens. Vor dem Hintergrund von Miriams Beinahetod werden Kindersterblichkeit und Kriegsopfer thematisiert, die Judenvernichtung oder die unhaltbaren Zustände im britischen Gesundheitssystem, um nur ein paar zu nennen. Die Grundthematik verleiht dem Roman selbstverständlich eine gewisse Schwere, dennoch ist Gezeitenwechsel gespickt mit humorvollen Bemerkungen. Meistens rühren diese an unangenehme Wahrheiten und regen damit auf ihre Weise zum Innehalten und Nachdenken an.

Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, als wären seiner Eier zu groß, um aufrecht zu stehen. Ich weiß nie, was ich auf solche Bemerkungen entgegnen soll. Ooh, guck mal, jemand, der beides kann, im Stehen pinkeln und ein Waschbecken sauber machen. Aber, sag mal, Kumpel, hast du nicht jedes Mal, wenn du ein Törtchen glasierst, das Gefühl, dass dein Schwanz schrumpft?

Besonders aufgefallen ist mir, dass Gezeitenwechsel sprachlich und stilistisch sehr stimmig und stimmungsvoll ist. Das englische Original habe ich zwar nicht gelesen, mein Gefühl sagt mir aber, dass Nicole Seifert einen hervorragenden Job bei der Übersetzung des Romans gemacht hat.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Obwohl ich Gezeitenwechsel insgesamt für einen guten Roman halte, möchte ich nicht verleugnen, dass ich ihn streckenweise etwas langatmig fand. Die Längen kommen dadurch zustande, dass das Leben der Familie während des Krankenhausaufenthaltes von Miriam und danach sehr detailliert beschrieben wird – Adam ist übersensibel geworden, nimmt alles schärfer wahr als zuvor.

Lohnt es sich?

Die schottische Autorin Sarah Moss scheint in Deutschland bislang weitestgehend unbekannt zu sein. Bevor ich ihren neuesten Roman vom Mare Verlag zugesandt bekommen habe, war mir ihr Name auch kein Begriff. Allerdings sollte sich das schleunigst ändern. Wenn in all ihren Romanen so kluge Beobachtungen stecken wie in Gezeitenwechsel, sind sie schon allein dafür lesenswert. Ich habe die Autorin auf jeden Fall für mich entdeckt und werde ganz bestimmt weitere Bücher von ihr lesen.


Sarah Moss: Gezeitenwechsel. Aus dem Englischen von Nicole Seifert. Mare (2019).

Leseprobe: https://www.mare.de/gezeitenwechsel-8281

[Werbung/Rezensionsexemplar: Danke an den Mare Verlag für die Zusendung.]