Geschichte einer Ehe

Warum dieses Buch?

Als ich Anfang des Jahres die Verlagsvorschauen durchstöberte, fiel mir dieser kleine Romane sofort ins Auge: Mir gefielen das leuchtend blaue Cover und der klare Titel. Der Klappentext versprach eine schlichte, aber hoffentlich interessante Geschichte.

Worum geht’s?

Jon und Timmy sind seit zwei Jahrzehnten miteinander glücklich. Sie haben ein schönes Familienleben, führen eine gute Ehe und eine moderne Beziehung, haben immer noch fantastischen Sex. Dann tritt Harald in Timmys Leben und, nicht unwesentlich durch Jons Zutun, entfernen sich die beiden zunehmend von einander, bis es schließlich zur Trennung kommt.

Ich beugte mich zu ihr vor, ich sagte, es sei harmlos, und wenn sie einmal Lust auf einen anderen hätte, zum Beispiel ihn, sollte sie der Lust nachgeben, etwas daraus machen. Ich sagte, das würde uns beiden gut stehen.

Worum geht’s wirklich?

Als Jon und Timmy sich kennenlernen, ist er mit einer anderen Frau verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Jon trennt sich, lässt sich scheiden, gibt in gewisser Weise sogar seine Tochter auf und gründet mit Timmy schließlich eine neue Familie. Die Exfrau hat, nachdem alles gesagt ist, nur noch eine Botschaft für Jon: sie wünscht sich, dass er eines Tages genauso verlassen werden wird, wie er sie verlassen hat.

Dieser Fluch wird Jon immer verfolgen. Egal, wie glücklich er mit Timmy ist, die Furcht, dass sie ihn verlassen könnte, ist übermächtig. Obwohl er diese Schreckensvorstellung tief in sich zu vergraben sucht, bricht sie sich immer wieder Bahn und führt dazu, dass Jon alles daransetzt, alles, nur keine gewöhnliche Beziehung mit Timmy zu führen. Er wird es deshalb nicht müde zu betonen, wie offen und frei sie miteinander leben oder ihr ungewöhnliche Vertrautheit miteinander hervorzuheben.

Die Wahrheit jedoch ist, dass Jon und Timmy natürlich ein vollkommen gewöhnliches Paar sind, mit einem Familienleben wie alle anderen es auch haben. Den wahren Grund, warum Jon diese Furcht umtreibt, kennt er, ohne ihn zu erkennen: ihre Existenz ist die seine. Er arbeitet als Freiberufler von zu Hause aus, kümmert sich deshalb um die Söhne, sorgt dafür, dass vollwertige Mahlzeiten auf den Tisch kommen, die Wäsche gewaschen und der Rasen gemäht wird.

Ich lebte mich in sie hinein, ich versteckte mich in ihrer Existenz, die auch meine eigene war, weil ich mit ihr verheiratet war und mich an sie verschenkt hatte.

Als Harald in ihrer beider Leben tritt, ermutigt Jon seine Frau, sich mit ihm zu treffen, redet ihr sogar zu, mit ihm zu schlafen, wenn sie das wollte. Dabei möchte sie das gar nicht, zumindest nicht zu Beginn. Jons Strategie Timmy zu halten, besteht darin, ihr den maximalen Freiraum (auch gegen ihren Wunsch) zu gewähren. Seine Vorstellung, dass Timmy mit einem anderen Mann ins Bett gehen könnte, wird dabei regelrecht zur Obsession. Gleichzeitig vergeht Jon vor Eifersucht, macht Timmy Vorhaltungen – er kann nicht so offen sein, wie er es von sich selbst erwartet. Schließlich kommt es, wie es kommen musste: Timmy verlässt Jon. Ob sie ihn für Harald verlässt, bleibt dabei allerdings offen.

Wie liest es sich?

Ich nehme es gnadenlos vorweg: Geschichte einer Ehe langweilte mich im Wesentlichen.
Und zwar vorrangig aufgrund der vielen sprachlichen und inhaltlichen Wiederholungen. Jon, der hier als auktorialer Erzähler fungiert, berichtet beispielsweise unentwegt, was Timmy alles gefällt: ihr gefallen ihre muskulösen Oberschenkel, ihr gefällt, wie sie von Männern betrachtet wird, ihr gefällt es, barfuß zu gehen … und natürlich gefällt es ihr, von Jon hart genommen zu werden. So sehr sogar, dass Jon immerzu davon erzählen muss: wann sie es wo wie machen, in allen Details.
Sex ist hier ein zentraler Indikator dafür, wie es um die Beziehung steht. Schön und gut, wäre in dieser Fülle aber schlicht nicht nötig gewesen. Denn nicht nur an diesem, auch an anderen Schilderungen wird schnell deutlich, dass es hinter dem Gesagten eine zweite Ebene gibt, nämlich die Wahrheit, vor der Jon erfolgreich die Augen verschließt. So verläuft der Sex zwischen den beiden immer gleich – Jon liegt schlussendlich oben. Eine Tatsache, die ihn beschäftigt, denn das ist ihm zu gewöhnlich und das möchte er nicht sein. In seiner Angst vor dem Gewöhnlichsein, mit dem in seiner Vorstellung ein Ende der Beziehung zwangsläufig einhergehen muss, gerät alles andere aus dem Blick.

Diese doppelte Einsicht in die Beziehung von Jon und Timmy hat mir gefallen. Das fand ich gut gemacht und entsprach dem, was ich vorab erwartet hatte. Ebenfalls gelungen war nach meinem Empfinden, dass Jon aus seiner Perspektive schildert, wie es zur Trennung kam und innerhalb dieser Schilderung versucht, den Punkt zu finden, an dem die Beziehung kippte. Er nimmt dabei auch Timmys Position ein, was dazu führt, dass wir ihre wahre Sicht gar nicht erfahren. Stellenweise rudert Jon sogar zurück, gesteht, dass es so nicht gewesen sei, dass Ereignisse nicht stattgefunden, Worte nicht gesagt wurden. Auch die Dialoge, die er mit Timmy im Jetzt führt, in der Rückschau auf ihre Beziehung, entpuppen sich als der Fantasie entsprungen:

„Darum geht es nicht. Aber du legst mir die Wörter in den Mund. Du stellst dir vor, ich wäre hier und würde mit dir reden. Du kannst mich alles sagen lassen, was du willst.“

Gleichwohl ich den Roman in der Grundstruktur für interessant hielt, sprang der Funke nicht über, weil mir die Umsetzung nicht gefiel. Auch stilistisch nicht. Die Tatsache, dass Jon Journalist und Kinderbuchautor ist, machte die Sache sogar noch enttäuschender. Wiederholt habe ich mich gefragt, ob er angesichts der Trümmer seiner Ehe seine erzählerischen Fertigkeiten eingebüßt hat oder ob die zahllosen Redundanzen als Stilmittel zu werten wären? Falls ja, habe ich nicht verstanden, was damit ausgesagt werden soll. Darüber hinaus blieben die Charaktere vollkommen blass. Zu Timmy konnte ich mir kein echtes Bild machen, sie kommt unglaubwürdig teilnahmslos rüber, lässt einfach alles auf sich zukommen. Auch Jon ist ein nichtssagender Charakter, den ich mir letztlich als verblendeten Langweiler vorstellte. Sympathie, meinetwegen auch Antipathie, oder Empathie kamen zu keinem Zeitpunkt auf.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Ich weiß auch nicht, aber irgendwie ist der gesamte Roman ein Wermutstropfen …

Lohnt es sich?

Ich habe vor Begeisterung überschäumende Rezensionen zu Geschichte einer Ehe gefunden. Bei mir schäumt da nichts. Von daher ist es wohl wenig überraschend, wenn ich sage, dass man wahrlich nichts versäumt, wenn man Geschichte einer Ehe nicht liest. Andererseits – jetzt kommt das berühmte Aber – kann ich mir vorstellen, dass der Roman in diese eine, besondere Kategorie fällt: Man findet ihn großartig oder mies. Obwohl mies ein hartes Wort ist. Mies fand ich den Roman nicht, aber doch enorm weit weg von großartig.


Geir Gulliksen: Geschichte einer Ehe. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. Luchterhand (2019).

Leseprobe: https://www.randomhouse.de/Buch/Geschichte-einer-Ehe/Geir-Gulliksen/Luchterhand-Literaturverlag/e553390.rhd

[Werbung/Rezensionsexemplar. Natürlich trotzdem danke an den Literaturverlag Luchterhand für die Zusendung.]