Letterbericht Nr. 3

In der Kategorie Letterbericht stelle ich in unbestimmten Abständen in Kurzrezensionen Bücher vor, für die ich keine ausführliche Rezension verfassen möchte, die ich euch aber auch nicht vorenthalten möchte. Heute sind es zwei Bücher, die sehr viel gemeinsam haben und dabei ganz unterschiedlich sind.


Worum geht’s?

Bei Reading Lolita in Tehran von Azar Nafisi und Talking about Jane Austen in Baghdad von Bee Rowlatt und May Witwit handelt es sich um autobiografische Lebensbeschreibungen von Frauen, die versuchen, sich den Repressionen in ihren Heimatländern zu widersetzen: Nafisi im Iran und Witwit im Irak. Beide sind Literaturwissenschaftlerinnen, die sich der englischen und amerikanischen Literatur verschrieben haben. Beide sind als Lehrkräfte an Universitäten tätig. Beide entschließen sich zur Emigration.

In Reading Lolita in Tehran schildert die Autorin Azar Nafisi ihre Erlebnisse im Iran während der Islamischen Revolution, der Golfkriege und unter der Regierung der neu entstandenen Islamischen Republik. Ihre Erinnerungen decken etwa die Jahre 1979 bis 1997 ab, die Zeit zwischen ihrer Rückkehr aus den USA, wo sie studiert hatte, und ihrer endgültigen Emigration in die USA. Sie berichtet wie die Entwicklungen des Landes sich auf das akademische Leben auswirkten und welch teilweise dramatischen Veränderungen sie an ihren Studenten und Studentinnen beobachten konnte. Die Schilderungen der politischen Ereignisse werden mit den Lebensgeschichten von sieben Studentinnen verwoben, die Nafisi über zwei Jahre heimlich bei sich zu Hause unterrichtete. Reading Lolita ist in vier Teile untergliedert – „Lolita“, „Gatsby“, „James“ und „Austen“ – die je einen spezifischen autobiografischen Fokus haben, und wo zwischen der fiktionalen und der realen Welt Parallelen aufgedeckt werden. Ein durchgängiges literaturwissenschaftliches Thema bei Nafisi ist die Frage nach Heldenhaftigkeit und Niederträchtigkeit, das immer wieder in Überlegungen zu den Zuständen im Iran übergeht.

Both sides were absolute in their position: some thought I would be a traitor if I neglected the young and left them to the teachings of the corrupt ideologies; others insisted I would be betraying everything I stood for if I worked for a regime responsible for ruining the lives of so many our colleagues and students. Both were right.

(RLiT, S. 180)

Talking about Jane Austen in Baghdad war im Unterschied zum vorgenannten Buch nie als solches geplant. Es handelt sich vielmehr um eine Zusammenstellung der E-Mails zwischen der Engländerin Bee Rowlatt und der Irakerin May Witwit, die sie sich über drei Jahre hinweg sehr regelmäßig schrieben. Ihre Herausgabe als Buch ermöglichte Witwit die Emigration nach Großbritannien.
Anfang des Jahres 2005 nimmt die BBC-Journalistin Bee Rowlatt Kontakt zu IrakerInnen auf, die der englischen Sprache mächtig sind, um diese für einen Beitrag zu den anstehenden Wahlen im Irak zu befragen, darunter auch May Witwit. Über die Zeit entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine Vertrautheit und schließlich eine Freundschaft. Sie bleiben jahrelang per E-Mail in Kontakt, berichten sich gegenseitig von ihrem Alltag: Rowlatt von ihrem Londoner Familienleben, Witwit von ihren Versuchen, ihre Dozententätigkeit trotz aller Widrigkeiten im zerbombten Bagdad aufrechtzuerhalten. Die jüngere Rowlatt wird für die ältere Witwit zu einer wichtigen Konstanten, zu einem Halt. Doch die Situation im Irak verschärft sich immer weiter. Bee Rowlatt findet schließlich, eher durch Zufall, eine Möglichkeit Witwit und deren Ehemann nach England zu holen. Im Oktober 2008 schreiben sie sich ihre letzte E-Mail, die mit den Worten endet: „See you at the airport on Sunday“ (S. 368).

Girls are almost always advanced in talking, reading, toilet training and so on, you just have to wonder when/how precisely it is that men suddenly take over the world.

(TaJA, S. 158)

Wie lesen sich die Bücher?

Bei Instagram stellte ich zur Abstimmung, welches der beiden Bücher ich lesen solle und dabei wurde Talking about Jane Austen in Baghdad von Reading Lolita in Tehran deutlich ausgestochen. Nach rund 50 Seiten jedoch musste ich Reading Lolita zur Seite legen. Ich fand Nafisis Schilderungen rund um das Entstehen ihres im Verborgenen stattfindenden Unterrichts für handverlesene Studentinnen seltsam nichtssagend, und fühlte mich beim Lesen ziemlich teilnahmslos, was angesichts der von der Autorin beschriebenen Umstände nicht hätte sein sollen. Und überhaupt hatte Reading Lolita seinerzeit derart hohe Wellen geschlagen, wurde in Dutzende Sprachen übersetzt und machte Nafisi weltweit bekannt, dass an dem Buch doch irgendetwas dran sein musste, das mir offensichtlich gerade entging!? Daher beschloss ich, es zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzunehmen. Das tat ich auch, aber das Buch entfaltete zu keinem Zeitpunkt dieselbe Faszination und Sogkraft wie das Gegenstück. Zwar nahm mein Interesse im Ganzen zu, ebbte aber immer wieder ab und durch die eine oder andere Seite schleppte ich mich mühselig, ohne die Gedankensprünge der Autorin nachvollziehen zu können.

Talking about Jane Austen in Baghdad hingegen brachte sofort eine Saite in mir zum Klingen. Die Frauen tauschen Gedanken und Ereignisse aus, die ein unverfälschtes Bild ihrer vollkommen gegensätzlichen Leben zeichnen. Vor dem Hintergrund der europäischen Freiheiten und Möglichkeiten, stechen die Entwicklungen im Irak besonders scharf und schmerzhaft hervor. Ich musste oft innehalten und das Gelesene nachwirken lassen. Die sich rasch entwickelnde Vertrautheit zwischen Rowlatt und Witwit setzt eine Intensität frei, die einen in die Geschehnisse hineinzieht. Von Bedeutung ist sicherlich auch, dass E-Mails Zeitdokumente aus dem jeweiligen Jetzt sind, durch keinen Schleier der Rückschau verfälscht.
Talking about Jane Austen in Baghdad ist von enormer Kraft, weshalb ich diesem Buch vor dem anderen in jedem Fall den Vorzug geben würde. Ich denke das liegt zu nicht unwesentlichen Teilen daran, dass es ein Zufallsprodukt ist, während Reading Lolita in Tehran immer wieder selbstdarstellerische Tendenzen aufweist, die ein wenig nerven.

By the way, I forgot to tell you a funny thing about the extremists in our district. They have banned putting cucumbers near tomatoes. They say there is a sexual implication in the vegetables and it is wrong and sinful. They have also ordered the shepherds who roam around with their herds to make the goats wear nappies, because it is sinful to exhibit an animal’s genitals. Imagine, Bee, the 21st century with all its scientific discoveries still has idiots like these.

(TaJA, S.181f)

Interessant finde ich übrigens, dass die Bücher trotz ihrer vielen Parallelen so unterschiedlich rezipiert wurden: Während Reading Lolita in Tehran über 100 Wochen in den Bestsellerlisten rangierte, in über 30 Sprachen übersetzt (auf Deutsch unter dem Titel Lolita lesen in Teheran u. a. bei Goldmann erschienen) und mit zahlreichen Preisen gewürdigt wurde, blieb ein auch nur annähernd vergleichbarer Hype bei Talking about Jane Austen in Baghdad vollkommen aus. Das Buch erschien laut Rowlatts Internetpräsenz bislang (nur) auf Chinesisch, Portugiesisch und Italienisch (ich konnte lediglich die italienische Ausgabe finden).

Nach der Lektüre beschäftigte mich natürlich die Frage, was aus May Witwit wurde, nachdem sie nach England emigrierte und ob die beiden Frauen ihre Freundschaft aufrechterhalten konnten. Meine Recherche blieb jedoch vollkommen ergebnislos. Ich habe mir deshalb nach einigem Zögern ein Herz gefasst und Bee Rowlatt kontaktiert. Sollte sie antworten, lasse ich es euch natürlich wissen.


Azar Nafisi: Reading Lolita in Tehran. Randomhouse (2003).

Bee Rowlatt und May Witwit: Talking about Jane Austen in Baghdad. The True Story of an Unlikely Friendship. Penguin (2010).