Spaziergang durch die Buchhandlungen: Lübeck

Ich hatte kürzlich eine Idee: einen Spaziergang durch Leipzigs Buchhandlungen und Antiquariate zu machen. Natürlich wäre das mit einem einzigen Spaziergang nicht getan, sondern ein in jedem Fall mehrteiliges Unterfangen. Als ich dann unterwegs nach Lübeck war, beschloss ich, einen solchen Buchhandlungsspaziergang auch dort zu machen – lieber erstmal klein anfangen.


Buchhandlung Langenkamp

Mein Spaziergang durch die Buchhandlungen führte mich zuerst zu Langenkamp – zumindest wäre das der Plan gewesen, denn leider hatte man dort Betriebsferien. Als ich vor der verschlossenen Tür stand, zog ich ein langes Gesicht. Hmpf! Aber dann wurde mir einmal mehr bewusst, wie verwöhnt wir sind, dass ständig alles verfügbar ist. Insofern war das am Ende sogar eine sehr wertvolle Erfahrung. Und da das nicht mein letzter Besuch in der Hansestadt gewesen sein wird, werde ich einfach ein anderes Mal vorbeischauen.

Prosa – Der Buchladen

Ich machte mich also direkt auf den Weg zu Stopp Nummer zwei, der Buchhandlung Prosa. Der kleine, aber äußerst feine Buchladen von Katrin Bietz ist eine echte Perle. Ich verrate es gleich vorweg: er war mein persönlicher Favorit!

Schon wenn man den Laden betritt, umfängt einen eine persönliche und ruhige Atmosphäre: die Bücher stehen in schlichten, hellen Holzregalen und werden ausnahmslos mit dem Cover nach vorne präsentiert. Sie sind nach Kategorien sortiert, zum Beispiel „Ungewöhnlich“ oder „20. Jahrhundert“, die offenbar regelmäßig wechseln. Da die Auswahl reduziert ist, wird man durch diese Präsentationsweise nicht erschlagen, sondern im Gegenteil zum Hinsehen regelrecht verführt. Auch die Titelauswahl selbst konnte mich vollständig überzeugen – mich hat hier so ziemlich alles angesprochen.
Wie der Name bereits hergibt, liegt der Fokus im Prosa auf belletristischer Literatur. Es gibt aber auch ein kleines Sortiment an Kinder- und Jugendbüchern sowie eine Handvoll Sachbücher, die sich an aktuellen Themen orientiert. Nach eigener Aussage der Inhaberin werden alle Titel einzeln ausgewählt und viele davon hat sie selbst gelesen.

Eine weitere besondere Idee sind die monatlich stattfindenden Abendbrote, bei denen selbstbelegte Stullen und Getränke gereicht werden, während sie drei bis vier Bücher vorstellt. Auch ein Blick auf die Homepage lohnt, denn dort versteckt sich ein kleiner Blog rund um das Geschehen im Prosa und natürlich mit Buchempfehlungen.

Ich hatte Gelegenheit, mit Katrin Bietz ins Gespräch zu kommen und was soll ich sagen, diese Frau ist auf Zack! Sie versprüht Charme und Frische und es hat einfach Spaß gemacht, sich mit ihr zu unterhalten. Falls ihr mal nach Lübeck kommt, solltet ihr auf jeden Fall bei ihr vorbeischauen.

Bücherpiraten e.V.

Als nächstes standen die Bücherpiraten auf der Agenda. Die Bücherpiraten sind ein 2002 gegründeter Verein, der sich der Aufgabe verschrieben hat, Literatur zu einem festen Bestandteil des Alltags von Kindern und Jugendlichen zu machen. Bei den Bücherpiraten können diese in verschiedenen Altersgruppen an Kursen, Workshops und fortlaufenden Projekten, die sich mit dem Erzählen, Schreiben oder (Vor)Lesen von Geschichten befassen, teilnehmen. Gleichwohl alle Veranstaltungen von einem Erwachsenen angeleitet werden, wird entschiedener Wert darauf gelegt, dass die Kinder und Jugendlichen selbstorganisiert und selbstbestimmt agieren. So organisieren sie beispielsweise selbstständig Lesungen, erstellen das Konzept für die jährlich stattfindenden Lübecker Jugendbuchtage oder schreiben und illustrieren selbst Geschichten.

Ein besonderes und fortlaufendes Projekt ist „1001 Sprache“, bei dem ehrenamtliche Unterstützer die von den Kindern verfassten Geschichten in alle nur denkbaren Sprachen übersetzen. Die Bilderbücher können unentgeltlich in bilingualen Sprachkombinationen heruntergeladen werden, wobei frei aus allen Sprachen gewählt werden kann, die für die jeweilige Geschichte bereits verfügbar sind. Darunter finden sich auch Sprachen und Dialekte, die man vielleicht nicht erwartet hätte, wie zum Beispiel Tigrinisch oder Hochalemannisch.

Als gemeinnütziger Verein ist Bücherpiraten e.V. natürlich auf Förderer und Förderinnen angewiesen. Ein Teil der Finanzierung erfolgt beispielsweise über den Verkauf von Kinder- und Jugendbüchern im hauseigenen Benefizbuchladen. Die Bücher (neu und gebraucht) sind Spenden von Verlagen und Privatpersonen, wodurch sie zu einem günstigeren Preis angeboten werden können als im regulären Handel. Auf diese Weise soll natürlich der Kaufanreiz erhöht, zugleich aber auch der Zugang erleichtert werden.

Absolut unterstützenswert!

Antiquariat Franke

Nur ein paar Meter weiter liegt das Antiquariat Franke. Es ist ein etwas kleinerer, sehr atmosphärischer Laden mit einer übersichtlichen Sortierung und wirklich guten Auswahl. Hier findet man so ziemlich alles, was das bibliophile Herz begehren könnte und obendrein schöne Drucke und Grafiken. Der Zustand der Bücher ist gut und die Preise sind mehr als fair. Ich habe mich hier gerne aufgehalten und gestöbert und werde bei meinem nächsten Lübeckbesuch bestimmt wieder reinschauen.

Hugendubel

Weiter ging’s Richtung Hugendubel. Natürlich ist Sortiment und Präsentation bei einer Kette keine große Überraschung, weshalb ich hier nicht genauer hingesehen habe – mit Ausnahme der Artikel mit regionalem Bezug, insbesondere dem Eierlikör mit Sanddorn … Interessanter waren für mich die Ladengestaltung und die Atmosphäre und diesbezüglich schneidet die Lübecker Filiale freilich gut ab. Die offenen Treppen bzw. Rolltreppen, die die verschiedenen Etagen miteinander verbinden, liegen mittig im Raum, überwölbt von einem Glasdach. Dadurch ergibt sich eine Art Lichtschacht, der tagsüber für natürliche und angenehme Helligkeit sorgt. Gut gemacht finde ich auch die zahlreichen Lesenischen, in die man sich zum Schmökern zurückziehen kann.

Arno Adler – Buchhandlung und Antiquariat

Buchhandlung und Antiquariat Adler liegen Tür an Tür im selben Gebäude. Der kleine Buchladen zur Linken überzeugt schon allein durch das üppige Sortiment an Kinder- und Jugendliteratur. Hier findet man zudem eine schöne Auswahl an Biografien und Autobiografien, lobenswerterweise viele davon zu Personen der Gegend. Gefreut hat mich auch das Angebot an Literatur rund ums Meer als ein weiterer Regionalbezug und die gezielte Präsentation von Büchern über Bienen und andere Insekten, was ja ein sehr aktuelles Thema ist. Die Titelauswahl hat mich insgesamt neugierig gemacht und ist mir positiv im Gedächtnis geblieben.

Die Inhaberin Hannelore Adler (zumindest glaube ich, dass sie es persönlich war) war auskunftsfreudig und hat im Laufe unseres Gesprächs weitere passende Empfehlungen ausgesprochen. Ein bisschen getrübt wurde mein Gesamteindruck jedoch dadurch, dass das Interesse an mir als Kundin erst mit meinen Fragen aufkam, obwohl ich zu dem Zeitpunkt die einzige Person im Laden war.

Der Schwerpunkt des zugehörigen Antiquariats eine Tür weiter liegt auf Fach- und Sachliteratur aus den Bereichen Geschichte, Geografie und verschiedenen Naturwissenschaften. Es gibt eine beeindruckende Auswahl an großformatigen Bänden aus allen denkbaren Bereichen. Das Angebot umfasst auch Belletristik, Lyrik und Kinderbücher, hier scheint die Auswahl aber eher klein. Das Antiquariat Adler ist etwas höherpreisig, allerdings liegt es auch in der Hüxstraße und die noblere Lage ist sicherlich mitzuzahlen.
Das antiquarische Mobiliar und die dumpf scheppernde Türglocke ließen mich übrigens unwillkürlich an das Antiquariat von Herrn Koreander in Die unendliche Geschichte denken.

Makulatur

Mein Weg führte mich weiter in die Buchhandlung Makulatur, ein Paradies für alle Aficionados des Großformats. Hier wird KundInnen eine wahrhaftig exzellente Auswahl aus den Bereichen Kunst, Architektur, Design, Fotografie und dergleichen mehr geboten. Begeistert hat mich unter anderem das Sortiment an Kochbüchern fernab des Mainstreams. Auch bei den Kinderbüchern wird schnell deutlich, dass bei der Aufnahme ins Sortiment Ästhetik ein entscheidender Faktor ist. Der Bereich Belletristik, der recht überschaubar ist, konzentriert sich auf zeitgenössische AutorInnen, auf (so scheint es) neuere und neueste Bucherscheinungen.

Bei Makulatur bilden Bücher, Präsentation und Räumlichkeit eine ästhetische Einheit – bereits das Schaufenster ist eine genauere Betrachtung wert. Nicht umsonst wohl sind die Inhaberinnen mit dem Buchhandlungspreis 2016 geehrt worden. Und dennoch: Ich hatte kein Bedürfnis, mich dort länger aufzuhalten und ich glaube das lag an der Atmosphäre. Sie war mir irgendwie zu hochgeistig, was bei mir zu einer gewissen Unentspanntheit führte. Schade, denn das Konzept hat mir gefallen. Vielleicht wage ich bei Gelegenheit einen neuen Versuch.

Buchhandlung Belling

Die letzte Station meines Spaziergangs durch die Buchhandlungen von Lübeck war die von Finn-Uwe Belling. Die Buchhandlung Belling – einschließlich Inhaber – hat ein frisches, fröhliches Flair. Der Fokus liegt auf Belletristik aktuellen Datums. Es gibt aber auch eine Auswahl an Kinder- und Jugendbüchern sowie einige Sachbücher. Insgesamt ist das Sortiment überschaubar, für meinen Geschmack zu überschaubar. Ich hätte mir tatsächlich eine etwas größere und vielleicht ungewöhnlichere Auswahl gewünscht. Mir fehlte außerdem das eine Merkmal, dass diese Buchhandlung von anderen unterscheidet. Dass der Inhaber aber viele Bücher selber gelesen hat, und sein Sortiment auf persönlichen Leseeindrücken beruht, verraten kleine handgeschriebene Notizen an den Büchern. Die Handschrift ist fürchterlich krakelig, aber irgendwie hat das einen ungeschminkten, ehrlichen Charme.

Gerne hätte ich mit dem Inhaber ein paar Worte gewechselt, dieser bediente jedoch bereits zwei Kunden. Zwar fragte er nach, ob er mir weiterhelfen könne, aber ich lehnte ab – ich hätte es unverschämt gefunden, zusätzlich Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, wissend, dass ich nichts kaufen werde. Ich denke aber, dass ich hier in Zukunft wieder vorbeigucken werden.


Nach sieben, ok, strenggenommen nach sechs Buchhandlungen und Antiquariaten war mein bibliophiler Bummel durch Lübeck zu Ende. Es hat so unglaublich viel Spaß gemacht! Und ich bin mir sicher, dass ich diese Art von Sightseeing nun öfter machen werde.