Warten auf Kafka

Warum dieses Buch?

Wer an tschechische Literatur denkt, dem kommen wahrscheinlich zuerst Franz Kafka oder Milan Kundera in den Sinn. Letzterer schreibt seit den frühen neunziger Jahren allerdings nur noch in französischer Sprache, während Kafka, der aus einer deutschböhmischen Familie stammte, zeitlebens nur in seiner Muttersprache Deutsch arbeitete. Von großer Bekanntheit ist natürlich auch Der brave Soldat Schwejk. Aber wie hieß doch gleich der Autor?
     Was zeitgenössische AutorInnen anbelangt, sind – nicht zuletzt dank der deutschsprachigen Neuerscheinungen anlässlich der Leipziger Buchmesse – Namen wie Jáchym Topol oder Radka Denemarková in Deutschland geläufig geworden. Auch Jaroslav Rudiš ist kein Unbekannter mehr. Aber zugegeben, dann wird es mit dem Wissen um tschechische LiteratInnen bereits eng. Selbst Božena Němcová dürfte nur wenigen ein Begriff sein, obgleich die Verfilmung ihres Märchens Drei Haselnüsse für Aschenbrödel aus der Weihnachtszeit längst nicht mehr wegzudenken ist. Oder schon einmal den Namen Jaroslav Seifert gehört? Immerhin wurde dieser 1984 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.

Einer, der sich im Kosmos tschechischer Literatur dagegen bestens auskennt, ist Martin Becker. Becker, der unter anderem am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte, hat bereits zwei Bücher über Tschechien veröffentlicht. Pünktlich zur Leipziger Buchmesse und dem Gastlandauftritt Tschechiens erschien sein drittes: Warten auf Kafka. Eine literarische Seelenkunde Tschechiens. Als noch recht unkundige, aber mittlerweile begeisterte Leserin tschechischer Literatur wollte ich mir dieses Buch auf keinen Fall entgehen lassen.

Heute ist Kafka eine Kultfigur. Vielleicht sogar mehr als das, er ist ein absoluter Megastar. Lebte er heute in Prag, er wäre berühmter als Karel Gott, Václav Havel und Fußballtorwart Petr Čech zusammen. Kafka würde natürlich von seinen alten Hits und Evergreens zehren, das Schreiben hätte er schon seit Jahrzehnten eingestellt, zumindest in aller Öffentlichkeit, insgeheim würde natürlich jedes auf einen Bierdeckel gekritzelte Wort von seinem Manager Max Brod hinter dem Rücken Kafkas gesammelt und archiviert.

Worum geht’s?

In einem essayistischen Ausflug begibt sich Martin Becker in die Welt der tschechischen Literatur und darüber hinaus. Vor dem Hintergrund eines einjährigen Aufenthaltes in Prag berichtet Becker autobiografisch-fiktional von seinen Begegnungen mit verschiedenen tschechischen AutorInnen. Er umreißt ihre Lebensgeschichten und stellt ihre literarischen Verdienste heraus. En passant werden dabei landeskundliche und geschichtliche Marksteine thematisiert.

Worum geht’s wirklich?

Von der „Organisation zur Entwicklung Pflege der tschechischen Seele“ auserwählt an einer Seelenkunde des Landes zu arbeiten, für die er ein paar Aufgaben zu bewältigen hat, im Übrigen jedoch einfach vor Ort recherchieren und beobachten muss, fällt Becker die undurchsichtige wie komfortable Gelegenheit vor die Füße, ein Jahr lang durch Prag und Teile Tschechiens zu streifen. Alle Zweifel über Bord werfend, lässt er sich darauf ein. Seine anfängliche Schwärmerei für Prag wandelt sich im Laufe dieses Jahres mehrfach, wird zu einer heftigen Verliebtheit, später zu einer Hass-Liebe, einer Anbetung, einer Freundschaft … Immer wieder will er seine Reise aus verschiedenen Gründen und Motiven beenden, immer wieder kann ihn die „Organisation“ davon abbringen. Plötzlich schält sich ein eigenwillig gekleideter Mensch aus der Menge, teilt ihm seine nächste Aufgabe mit und lässt Becker ratlos, aber neu belebt zurück. Ein anderes Mal wird er in ein Kaffeehaus gelotst, wo er fortan aushelfen soll, bis Becker eines Tages vor einer vernagelten Tür steht. Hier gebe es schon seit Jahren kein solches Kaffeehaus mehr, erfährt er auf Nachfrage von der Nachbarin. Und dann ist das Jahr auf einmal vorbei und die „Organisation“ schickt ihn so bestimmt nach Deutschland zurück, wie sie ihn zuvor nach Tschechien gelockt hat. Doch bevor er abreist, hat er sich in einer Kneipe einzufinden und einem ausgewählten Fachpublikum seine Seelenkunde vorzustellen.

Der kleine Saal ist für Sie und Ihre Gäste reserviert. Wenn Sie am Nachmittag beginnen, dann haben Sie mindestens sieben Biere Zeit dafür. Reden Sie nicht zu kurz! Halten Sie sich nicht zurück! Denken Sie daran, was Sie dort vortragen im Rahmen Ihrer „Seelenkunde“, das wird von Ihrem bewegten Jahr in der Welt bleiben!

Wie liest es sich?

Martin Beckers literarische Seelenkunde Tschechiens wird von der Erzählung rund um seinen einjährigen Aufenthalt in Prag eingerahmt, die sich geschickt mit den landes- und literaturkundlichen Ausführungen verquickt. Immer wieder verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit, zum Beispiel wenn Becker in einem Nonstop stundenlang auf Kafka wartet und diesem schlussendlich begegnet, wenn auch nicht in wörtlichem Sinne, oder wenn er in einer Bierstube einen Gast erspäht, der Ota Pavel sein könnte. Dass die Rahmenhandlung zuweilen ein wenig sperrig und konstruiert daherkommt, stört nur kurz. Die überaus atmosphärischen Schilderungen und der enthusiastische Plauderton des (vermeintlich) autobiografischen Erzählers lassen großmütig darüber hinwegsehen.
Sehr erfrischend ist auch, dass Becker sich nicht um Objektivität bemüht. Er spielt mit den Klischees, die über Tschechien herrschen, schafft es dabei aber, die Eigentümlichkeit tschechischer Lebensweise trefflich einzufangen. Dass er viel mit Assoziationen arbeitet, zeigt sich beispielsweise in der Unterteilung seiner Essays in sieben Biere statt in Kapitel. Und tatsächlich liest sich Warten auf Kafka wie ein süffig-mildes Bier – natürlich und nicht zu herb.

Wenn man von Tschechien spricht, dann gehört der Schwejk einfach dazu – das ist ein ungeschriebenes Gesetz, das ist Wohl und Wehe zugleich, das ist ein Klischee und oftmals gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt, das ist Traum und Trauma im selben Augenblick, ausgelöst durch einer Figur, die ambivalenter ist, als man zuerst annimmt.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Der Autor schließt mit einer knappen Auflistung weiterer wichtiger AutorInnen und ihrer relevantesten Werke. Diese wirkte nach den atmosphärischen Darstellungen auf den Seiten davor auf mich jedoch ein wenig willkürlich und schludrig. Das war weniger der Kürze geschuldet, als dem fehlenden Schliff. Ebenfalls ein klitzeklein wenig bedauerlich ist der Fokus auf Prag, wo Tschechien doch noch so viele andere Schönheiten zu bieten hat.

Lohnt es sich?

Martin Becker bewegt sich in seiner Seelenkunde mit Passion und beinahe schon missionarischem Eifer durch die tschechische Literaturlandschaft. Assoziativ, unterhaltsam und nicht zuletzt informativ dringt er in diesen dichten Kosmos vor. Er setzt dabei nicht nur auf bekannte Namen, sondern bemüht sich auch um AutorInnen, deren Verdienst in der hiesigen Wahrnehmung bislang unterging. Seine lebendigen Skizzen machen große Lust, sich in die literarische Arbeit der Porträtierten, ihr Leben und Wirken zu vertiefen. Und selbstverständlich macht Warten auf Kafka Lust auf Tschechien, allem voran auf die pittoresken Gässchen der Prager Altstadt, auf schmackhaftes Bier und gehaltvolle Köstlichkeiten.


Martin Becker: Warten auf Kafka. Eine literarische Seelenkunde Tschechiens. Luchterhand (2019).

Zur Leseprobe geht’s hier entlang.

[Werbung/Rezensionsexemplar: Meinen Dank an den Luchterhand Verlag für die Zusendung.]


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