Der Bücherdrache

Da stand ich nun! Völlig durcheinander. Mit wackligen Knien. Eben noch ein einfacher Buchling, jetzt ein angehender Ormling mit einem Geheimauftrag. Auf mich warteten: Eine Prüfung. Ein Ritual. Ein Bücherdrache. Ein Sumpf voll ormgetränkter1 Bücher. Und Lebewesen, die es eigentlich nicht geben sollte.

Warum dieses Buch?

Walter Moers ist ja so eine Sache für sich: entweder man findet ihn großartig oder total bescheuert. Dazwischen scheint es nur wenig zu geben. Ich für meinen Teil bin ein ziemlicher Fan, allerdings nur was die Zamonien-Romane anbelangt, mit allem Übrigen kann ich ebenfalls nichts anfangen. Mein erster Roman aus dem Zamonien-Zyklus war Rumo und die Wunder im Dunkeln, danach habe ich Die Stadt der träumenden Bücher inhaliert und dann erst angefangen, mich chronologisch durchs Werk zu lesen. Klar, dass ich jeder Neuerscheinung entgegenfiebere!

Worum geht’s?

Den zamonischen Großmeister der Dichtkunst, Hildegunst von Mythenmetz, verschlägt es einmal mehr in die Katakomben von Buchhaim. Dort trifft er in der Ledernen Grotte auf den kleinen Buchling Hildegunst Zwei, der das Gesamtwerk seines Namenspaten memoriert. Hildegunst Zwei möchte sich bei seinem Idol bedanken, indem nun er in die Rolle des Geschichtenerzählers schlüpft. Und so berichtet er von seiner Begegnung mit dem sagenumwobenen Bücherdrachen Nathaviel, dessen Existenz eigentlich ins Reich der Mythen gehört. Doch es gibt ihn wirklich! Er lebt im Ormsumpf, einem grauenerregenden und feindlichen Ort. Doch nicht nur der Sumpf, auch der Drache selbst werden Hildegunst Zwei um ein Haar zum Verhängnis.

Jawohl, mein kleiner Freund: Es gibt ein Zwischenreich zwischen Schönheit und Schmerz, welches man Melancholie nennt. Auch so ein schönes Wort, es klingt wie eine kranke Blume!

Worum geht’s wirklich?

Der kleine Buchling Hildegunst Zwei, benannt nach dem Dichter Hildegunst von Mythenmetz, einem Star am zamonischen Literaturhimmel, begibt sich eines Tages auf eigene Faust und reichlich unbedarft in die Tiefen der Katakomben unterhalb der Stadt Buchhaim, um den Bücherdrachen Nathaviel aufzusuchen. Dieser, so heißt es, weiß auf jede Frage eine Antwort. Angestachelt wird das Unterfangen von sechs Mitschülern, die Hildegunst Zwei nicht nur den Weg zum Ormsumpf verraten, sondern ihm auch versprechen, ihn in den Geheimclub der Ormlinge aufzunehmen, sollte er es fertigbringen, eine Bücherschuppe des Drachen mitzubringen. Der junge Buchling ist verzückt angesichts dieser unerwarteten Ehre und macht sich sofort auf den Weg. Die Lederne Grotte, sein Zuhause, hat er noch nie verlassen und folglich wird diese Reise zu einem gewaltigen Abenteuer: Hildegunst Zwei begegnet noch nie gesehenen Daseinsformen der Flora und Fauna, die alles andere als durch Liebreiz in Erstaunen versetzen. Angekommen im Sumpf selbst gestaltet sich die Suche nach dem Drachen einfacher als erwartet und überhaupt ist die Begegnung mit Nathaviel so gar nicht unangenehm, denn der Bücherdrache zeigt sich in Plauderlaune, erzählt Hildegunst Zwei seine Lebensgeschichte und sogar über eine waschechte Prophezeiung kann sich der Buchling freuen – bis sich die Dinge unerwartet in ihr Gegenteil verkehren und Hildegunst Zwei nur durch List und Dussel dem Tod entrinnt.

Buchhändler, Antiquare und Bücherfürsten hatten die kostbarsten Teile ihrer Bibliotheken für Experimente geopfert, hatten einzigartige Ormbücher von ihren Buchimisten zu Papierschlamm verarbeiten lassen, um anschließend wochenlang darin zu baden. Und dann wunderten sie sich, dass in ihnen das Orm nicht strömte wie in meinem Schädel. Sie mussten es auf die harte Tour lernen, dass in meinem Fall etwas Einzigartiges geschehen war, etwas Unwiederholbares, das sich nicht auf Despotenwunsch von ein paar Quacksalbern durch irgendwelchen Hokuspokus herbeizaubern ließ.

Wie liest es sich?

Die Erzählung des Buchlings ist eingebettet in eine knappe Rahmenhandlung in der Hildegunst von Mythenmetz erneut den Weg in die Lederne Grotte findet. Wie er dorthin gekommen ist, bleibt uneindeutig. Laut Mythenmetz eigener Erklärung handelt es sich bei dem Geschilderten um einen Traum in einem Traum. Ist er also gar nicht in den Katakomben gewesen, hat folglich nicht Hildegunst Zwei getroffen und ist dessen Geschichte somit nur geträumt? Die nebulöse Hinleitung zur eigentlichen Geschichte und ihre Darstellung in Comicform macht direkt Lust auf mehr, denn natürlich möchte man dieses Rätsel unbedingt aufgelöst wissen. So viel sei verraten: es wird nicht aufgelöst. Damit steht Der Bücherdrache in einer klassischen Moers’schen Erzähltradition, nach welcher seine Romane gerne das eine oder andere Geheimnis für sich behalten.

Grundsätzlich fand ich dieses Vorgehen gewitzt und unterhaltsam, gleichzeitig barg es aber auch eine derbe Enttäuschung: Mythenmetz bleibt für den Rest des Romans weit hinter seiner Figur zurück. Der sonst so redselige, durchaus selbstverliebte Dichter, der für Abschweifungen und detaillierte Darstellungen bekannt ist, kommt in der Der Bücherdrache faktisch nicht zu Wort. Nicht nur, dass er während des Treffens mit Hildegunst Zwei die meiste Zeit schweigt (damit, wie er selbst sagt, der Buchling nicht in seiner Erzählung gestört wird), auch seine Rolle als übergeordneter Erzähler nimmt er kaum wahr. Der Roman ist in weiten Teilen in Dialogform aufgebaut, bei der das Gespräch zwischen Hildegunst Zwei und dem Bücherdrachen im Vordergrund steht. Rein erzählerische Anteile gibt es auch, die sind aber in Form wörtlicher Rede wiederum Teil dessen, was Hildegunst Zwei Mythenmetz berichtet. An sich ein interessanter Kniff, aber die Figur des Mythenmetz wird somit überflüssig. Und nicht nur das: Dort, wo Mythenmetz einen erzählerischen Auftritt hat, wirkt er blass und lustlos in den Roman eingebaut. Ich zumindest habe seine Figur darin nicht wiedererkannt. Schon verständlich, dass eine zu große Präsenz dem Buchling den Fokus streitig gemacht hätte, aber diese Flachheit ist fast schon beleidigend.

Dass der Roman sehr kurz ist, ein Romanchen letztlich nur, finde ich nicht kritikwürdig. Ich habe einige Meinungen gelesen, in denen das bemängelt wurde, aber es muss ja nicht jedes Mal ein mehrhundertseitiger Wälzer erscheinen. Im Gegenteil fand ich den Umfang für die kleine Geschichte sogar genau richtig.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Eine Sache stieß mir beim Lesen unangenehm auf: Durch die sehr präsente Feminismusdebatte hat sich mein Leserverhalten dahingehend verändert, dass ich gegenüber Figuren und ihrer Darstellung sensibler geworden bin. Und so konnte es mir nicht verborgen bleiben, dass in Der Bücherdrache nicht eine einzige weibliche Figur auftritt*. Hildegunst von Mythenmetz, Hildegunst Zwei und seine sechs Schulfreunde, der Geschichtslehrer, der Bücherdrache – mehr Figuren gibt es nicht – sind alle männlich. Schade, traurig und schlichtweg nicht zeitgemäß.

*Seither frage ich mich: Wäre mir das vor ein paar Jahren auch schon aufgefallen? Ich würde mal mit ziemlicher Überzeugung Ja sagen wollen. Aber ich bin mir genauso sicher, dass es mich damals nicht so gestört hätte wie heute.

Das ist einer unserer Aufträge. Aufklärung! Wir erfinden keine Ammenmärchen von Buchdrachen und Schrecklichen Buchlingen, wie es die alten Bücherjäger getan haben. Man wird nicht mit Problemen fertig, indem man sie zu Gruselmärchen ausschmückt.
(Das Labyrinth der träumenden Bücher, S. 356)

Lohnt es sich?

Ich bin in meiner Meinung zu Der Bücherdrache recht unentschlossen, was vorrangig daran liegt, dass ich zwei unterschiedliche Sichten auf den Roman habe, die sich leider entgegenstehen.

Grundsätzlich sind alle Zamonien-Romane voneinander unabhängige Werke, auch wenn sie über Schauplätze, Figuren oder sogar Handlungen verknüpft sind. Betrachte ich Der Bücherdrache als ein für sich stehendes Werk, dann halte ich den Roman zumindest in Teilen für gelungen, sogar sehr. Mir gefällt beispielsweise die Idee, die Erzählung mit einem Comic zu beginnen und zu beenden. Und überhaupt sind die Illustrationen mal wieder einfach nur fantastisch – schon allein deshalb lohnt sich das Buch. Grundsätzlich finde ich auch den Versuch gut, Mythenmetz statt zum Erzähler zum Zuhörer zu machen. Auch inhaltlich gefällt mir Der Bücherdrache wirklich gut: Ein Fabelwesen, dass im Vorgängerroman beiläufig in einem Nebensatz erwähnt wird, bekommt eine eigene (und wirklich gute) Geschichte – typisch Moers! Die Umsetzung hingegen löst bei mir keine Begeisterungsstürme aus. Das Zusammenspiel der verschiedenen Dialogebenen ist insgesamt recht unbefriedigend und die Figur des Mythenmetz (leider) vollkommen überflüssig. Eine klassische Erzählform rund um die Abenteuer des kleinen Buchlings Hildegunst Zwei wäre sicherlich spannungserzeugender gewesen und hätte die Möglichkeiten geboten, der Geschichte mehr Plastizität zu verleihen.

Ganz schwierig wird es, wenn ich Der Bücherdrache im Kontext des Zamonien-Zyklus‘ betrachte. Ich werden den Verdacht nicht los, dass Mythenmetz hier als Mittel zum Zweck herhalten musste: Wo Mythenmetz draufsteht, werden die Leute schon zugreifen. Leider aber trägt er zur Geschichte nullkommagarnix bei und würde man ihn streichen, funktionierte der Roman immer noch – außer, dass Hildegunst Zwei logischerweise keinen Gesprächspartner hätte, wobei Mythenmetz ja ohnehin fast nichts sagt und schon gar nichts von Belang.

Wenn ich so darüber nachdenke, komme ich zu dem banalen Schluss, dass ich die Frage, ob sich Der Bücherdrache lohnt, nicht beantworten kann. Ein Moers-Fan wird sich den Roman bestimmt nicht entgehen lassen und wer neu in Zamonien ist, wird wahrscheinlich auch Gefallen an Moers‘ neustem Werk finden – denn ungewöhnlich sind seine Bücher ausnahmslos und allein davon geht eine unbestreitbare Faszination aus.

1 Das Orm spielt in den Zamonien-Romanen, genauer in den Romanen rund um Hildegunst von Mythenmetz eine äußerst zentrale Rolle. Es ist die schöpferische Kraft, die Kreativität und Inspiration hervorruft.


Walter Moers: Der Bücherdrache. Penguin (2019).

Link: https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Buecherdrache/Walter-Moers/Penguin/e541770.rhd

[Werbung/Rezensionsexemplar. Meinen Dank an den Penguin Verlag für die Zusendung.]