Letterbericht Nr. 2

In der Kategorie Letterbericht stelle ich in unbestimmten Abständen in Kurzrezensionen Bücher vor, für die ich keine ausführliche Rezension verfassen möchte, die ich euch aber auch nicht vorenthalten möchte. Diesmal zwei Bücher aus der Feder der tschechischen Schriftstellerin Iva Procházková: ein Kinder- und ein Jugendbuch, und für beide kann ich nur eine wärmste Empfehlung aussprechen!


Mein Eintauchen in die tschechische Literatur sollte nicht nur Werke für Erwachsene berücksichtigen, sondern auch Kinder- und Jugendbücher umfassen. An Iva Procházková reizte mich, dass sie als gebürtige Tschechin auch auf Deutsch publiziert und für ihre Kinder- und Jugendbücher bereits mehrere Preise eingeheimst hat. So war Die Nackten 2009 in zwei Kategorien für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises sagte über den Roman:

„Die Nackten ist ein episodenhaft angelegter, psychologisch tiefer Roman. Iva Procházková fängt das für die Pubertät so typische Erleben und Denken authentisch ein und berührt durch die Anlage der unterschiedlichen Charaktere zentrale Fragen Jugendlicher, ohne sie abschließend zu beantworten. Der Roman der tschechischen Autorin, die auf Deutsch schreibt, hat Ecken und Kanten und fordert den Leser heraus. Doch genau deswegen wird er jugendliche Leser dazu bewegen, an den Figuren des Romans zu wachsen.“

Iva Procházková
Die Nackten

Eine der ProtagonistInnen ist die fünfzehnjährige Sylva, mit der der Roman seinen Anfang nimmt. Sie ist äußerst intelligent und verbringt ihre Zeit unentwegt in der Natur. In der Schule hat sie das Gefühl, nichts Lebenswichtiges lernen zu können. Aufgrund ihrer Fehlzeiten muss sie nun wiederholt die Schule wechseln. Sie entscheidet sich für ein Internat in Meißen, auch deshalb, weil die Entfernung zu beiden Eltern damit künftig etwa gleich weit ist.

Einer ihrer wenigen Freunde, Filip, ist Sylva intellektuell ebenbürtig, dabei aber sehr steif und verkopft. Er liebt Sylva, vermasselt es mit den beiden aber im entscheidenden Moment aus genau diesem Grund. Dass sie weggeht, schmerzt ihn zutiefst, dann aber reift er daran. Ein weiter Freund von Sylva, noch aus Kindertagen, ist Niklas aus Berlin. Sylva macht sich Sorgen um ihn, denn er reagiert seit einiger Zeit nicht mehr auf ihre Nachrichten. Grund für Niklas‘ Rückzug ist seine Freundin Evita. Evita ist Vollwaise, ist aus dem Heim geflohen, in dem sie lebte und haust nun auf Berlins Straßen. Sie ist drogenabhängig und zieht Niklas zunehmend mit in den Abgrund. Robin ist der Nachbarssohn von Sylvas Mutter. Sie lernen sich kennen, als Sylva die letzten Tage vor dem neuen Schuljahr in Berlin verbringt. Robin ist eine zutiefst verunsicherte Person und möchte der selbstbewussten Sylva zunächst lieber aus dem Weg gehen. Ein unerwartetes Ereignis macht die beiden dann aber zu Verbündeten.

Das Wattenmeer der Stadt hat kein Ende. Sylva bleibt im engen Schatten des Zeitungskiosk stehen und wartet, bis die Ampel grün wird. Die Karosserien der Autos, die an ihr vorbeiziehen, bilden einen unaufhörlichen Strom aus glühendem Stahl. Gelb ist anscheinend die Farbe des Jahres. In allen Schattierungen: Kanariengelb, Dottergelb, Senfgelb und helles Zitronengelb.

Interessant, weil etwas ungewöhnlich, fand ich den Aufbau des Romans: Jedes Kapitel widmet sich einer Figur, berichtet aus deren Perspektive, sowohl als allwissender als auch als Ich-Erzähler. Jedes Kapitel wiederum beginnt mit einem Dialog zwischen der jeweiligen Figur und einem weiteren Charakter, der für das Folgende allerdings nicht weiter wesentlich sein muss. Diese Dialoge, optisch vom Rest abgesetzt, sind wirklich reine Dialoge, ohne jedwede erzählerische Einschübe. Aus ihnen erfährt man indirekt Details, die Lücken in der Erzählung schließen und auf diese Art das jeweilige Personenporträt nach und nach komplettieren.

Wie bereits von der Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises erfasst, geht der Roman psychologisch in die Tiefe. Er bewegt sich weit abseits klischeehafter pubertärer Gefühlsdusseleien, reduziert Jugendliche nicht auf ihr Unfertigsein und begrenzte Lebenserfahrung, sondern nimmt sie als werdende Erwachsene in ihren inneren Krisen ernst. Gleichzeitig liefert Die Nackten keine finalen Antworten auf die drängenden Fragen der fünf Charaktere, einfach weil es keine solche Antworten geben kann. Indem er kein Patentrezept liefert, ist der Roman sehr authentisch und damit durchaus eine schmerzhafte (Lese)Erfahrung: Die Pubertät ist eine schwierige, von Krisen gekennzeichnete Zeit, und obwohl ich mich in keinem Charakter in irgendeiner Form wiederfinden konnte, war das Grundgefühl doch vertraut.

Gefallen hat mir auch, dass Die Nackten in Tschechien und in Deutschland spielt. Das ist im Falle von Iva Procházková auch gar nicht so abwegig, denn die gebürtige Tschechin emigrierte 1983 als bereits Dreißigjährige mit ihrer Familie zuerst nach Österreich und dann nach Deutschland. Hier begann sie bei verschiedenen Kinder- und Jugendbuchverlagen zu publizieren. Nach der Samtenen Revolution kehrte sie nach Tschechien zurück. Sie wirft einen Blick auf Jugendliche unterschiedlicher Herkunftsländer, und zeigt, dass die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens doch dieselben sind.

Iva Procházková: Die Nackten. Fischer Taschenbuch Verlag (2009).


Iva Procházková
Elias und die Oma aus dem Ei

Elias ist sieben und schon ziemlich viel auf sich allein gestellt: seine Eltern sind immer sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt und Großeltern hat er keine. Eines Tages findet Elias beim Spielen im Park ein gelbes Ei. Er nimmt es mit nach Hause und baut ihm ein warmes Nest. Und siehe da, nach kurzer Zeit schlüpft – eine Oma! Natürlich ist so eine frisch geschlüpfte Oma eine Menge Arbeit, denn Elias muss ihr erst mühselig alles beibringen: sprechen, laufen und fliegen. Elias füttert Oma Undu mit Keksen, besorgt ihr Puppenkleider und pflegt sie, als sie sich erkältet. Langeweile hat der Junge nun keine mehr.

Elias ging in sein Zimmer und schüttelte Omas Kissen auf. Es war ein weiches Kissen, ein Nadelkissen eigentlich, das er heimlich aus Mutters Nähkästchen genommen und in Omas Karton gelegt hatte. Die kaputten Autos hatte er herausgenommen und nur den Feuerwehrwagen dringelassen. Oma Undu bevorzugte es nämlich, auf der Leiter zu frühstücken.

Für ein erstes Selbstlesebuch ist Elias und die Oma aus dem Ei meiner Meinung nach noch zu umfangreich, aber zum Vor- oder gemeinsamen Lesen genau richtig.

Iva Procházková: Elias und die Oma aus dem Ei. Sauerländer (2003).

Dieses Kinderbuch von Procházková scheint nicht mehr verlegt zu werden. Man bekommt es aber gebraucht zum Beispiel bei Medimops oder Rebuy.


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