Calypso

Das Reisen kann manchmal anstrengend sein, aber jeder Mensch kann Seiten umblättern und laut vorlesen. Zeitraubend ist das anschließende Signieren, was aber allein an mir liegt, weil ich so viel mit den Leuten rede. „Wo kommt denn der Name Draven her?“, fragte ich eines Abends, als ich das Post-it auf der Titelseite entdeckte. „Ich weiß auch nicht“, sagte die Frau auf der anderen Seite des Tisches. „Ist ein Freund meines Bruders.“ Ich schaute noch einmal auf den Namen. „Draven. Klingt wie… die Vorvergangenheit von drove.“

Warum dieses Buch?

Über das neuste Buch von David Sedaris, Calypso, stolperte ich im vergangenen Jahr auf der Frankfurter Buchmesse und seitdem stand es auf meiner Könnte-man-mal-lesen-Liste. Mit David Sedaris liegt man ja irgendwie nie falsch. Und das Cover ist einfach auch ein kleiner Hit: fährt man mit dem Finger über den Umschlag, spürt man die Jahresringe unter den Fingerkuppen während einem ein verschmitztes Gesicht entgegenblickt.

Worum geht’s?

Calypso ist eine Sammlung von einundzwanzig autobiografischen, tagebuchhaften Geschichten, von denen eine die titelgebende ist. Alle Geschichten, eigentlich sind es eher Anekdoten, drehen sich um die Sedaris-Familie mit ihren Macken, Marotten und Miseren. Es geht darin um die bereits 1991 verstorbene Mutter, von den Kindern heiß geliebt und verehrt, den distanzierten und strengen Vater, der mit zunehmendem Alter weicher wird aber unverändert stur bleibt, die vier noch lebenden Geschwister, zu denen Sedaris ein inniges, vertrauensvolles Verhältnis hat, während seine verstorbene Schwester Tiffany schon Jahre vor ihrem Tod keinen Platz mehr in dessen Leben hatte, und nicht zuletzt geht es um seinen langjährigen Lebensgefährten Hugh mit dem Sedaris in einem Cottage in England lebt. Wie in seinen vorangegangenen autobiografischen Schriften bewegt sich der Autor thematisch auf vertrauten Umlaufbahnen: sein griechisches Erbe, seine Homosexualität, sein Leben in Frankreich und England, seine Lesereisen, seine Kindheit…  

Worum geht’s wirklich?

Zentraler Schauplatz von Sedaris‘ Geschichten ist sein Strandhäuschen Sea Section (dt. See-Zierung) in North Carolina, in dem der Clan wiederholt für Ferien und Feiertage zusammenkommt. Zwischen abendlichen Brettspielkämpfen und faulen Strandtagen nimmt David Sedaris alle Familienmitglieder ins Visier und legt ihre und seine Schichten frei: offenherzig, schamlos, charmant, vulgär, mit spitzer Zunge. Seine Diagnosen sind gewitzt und schlau, aber auch durchaus gnadenlos und wenig schmeichelhaft. Calypso sprüht nicht von der ersten bis zur letzten Seite vor Witz wie man es bei David Sedaris fast schon gewohnheitsmäßig erwartet. In tieferen Lagen, und gelegentlich an der Oberfläche freigelegt, schwingen Fragen rund um Krankheit, Verfall und Sterblichkeit mit. Versäumnisse werden eingestanden. Moralische Schulden beglichen. Ein wiederkehrendes Thema und damit ein zentrales ist der Selbstmord seiner Schwester Tiffany, an den sich viele offen gebliebene Fragen knüpfen, auf die die Geschwister und der Vater niemals Antworten bekommen werden. Immer wieder beleuchtet der Autor sein Verhältnis zu ihr, versucht ihre Person zu verstehen, gesteht, dass sie seither die Gespräche und Gedanken der Familie prägt. Seine ungeschönten Wahrheiten schockieren, insbesondere dort, wo er selbst entblößt wird. In Calypso begegnen wir dem „klassischen“ Sedaris, zum Beispiel wenn er seine Hörigkeit gegenüber seiner Fitbit preisgibt (Schritt für Schritt) oder wenn er sich mit Hugh darüber in die Haare bekommt, wie Haustiere zu halten seien (Calypso). Aber es scheint, als hätte Tiffanys Freitod bewirkt, dass er sich nun auch entmutigenden oder bedrückenden Themen zuwendet (z. B. Ein paar Gründe, warum ich in letzter Zeit deprimiert bin).

Das letzte Mal hatte ich meine Schwester Tiffany am Bühneneingang der Symphony Hall in Boston gesehen. […] Ein Sicherheitsmann hielt die Bühnentür offen, und ich sagte zu ihm: „Schließen Sie bitte die Tür.“ Ich hatte den Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich hatte hier das Kommando – Mr. Sedaris. „Die Tür“, wiederholte ich. „Wollen Sie sie bitte schließen.“ Und das tat der Mann. Es machte meiner Schwester die Tür vor der Nase zu, und danach habe ich sie nie wiedergesehen oder mit ihr gesprochen. Nicht, als sie aus ihrer Wohnung flog. Nicht, als sie vergewaltigt wurde. Nicht, als sie nach ihrem ersten Selbstmordversuch ins Krankenhaus kam. Sie war, redete ich mir ein, nicht mein Problem. Ich konnte sie nicht mehr ertragen.

Wie liest es sich?

Ich hatte durchweg das Gefühl mittendrin zu sein, bei den Familienzusammenkünften mit am Tisch zu sitzen oder zwischen den Geschwistern am Strand zu liegen, während sie sich ihrer Leidenschaft für pikante Details hingeben. Am bestechendsten fand ich Calypso allerdings dort, wo sich Sedaris dem Problematischen zuwendet, neben dem Selbstmord seiner Schwester beispielsweise dem schwierigen Verhältnis zum Vater. Hier sind die Geschichten kraftvoll und zeigen eine andere Seite des Autors. Seine ungeschönten Offenlegungen und Eingeständnisse diesbezüglich irritieren und berühren beim Lesen auf durchaus unangenehme Weise, aber sie berühren. Überflüssig hingegen fand ich die Darstellungen rund um seine Shoppingvorlieben, obgleich hier natürlich das Skurrile im Vordergrund stehen soll, schon verstanden. Dennoch konnte ich dem nichts abgewinnen. Ähnlich erging es mir mit den Schilderungen seines Magen-Darm-Infekts während einer Lesereise – nach meiner Auffassung banal und einfallslos vulgär. Aber offenkundig ist das seine Art des Humors, denn über mehrere Seiten ergötzt er sich an seinen gesammelten Werken möglichst wüster Beschimpfungen für Autofahrer… Davon abgesehen sind David Sedaris Betrachtungen von einem wunderbaren Zynismus, seine Pointen sind großartig gesetzt, zugleich umspült alles eine gewisse Melancholie – eine äußerst lebendige Kombination.

Ich denke man kann sagen, dass David Sedaris reifer geworden ist: er berichtet aus seinem gut situierten Leben, das zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Lesereisen und Familienzusammenkünften in seinem Strandhaus besteht, in dem aber auch Kümmernisse nicht fremd sind.

Nicht zu vergessen die vielen Diskussionen unter Tierhaltern über die richtige Erziehung. „Sie darf auf gar keinen Fall auf den Tisch/die Küchenplatte/ die Stereoanlage“ etc. Als ob man einer Katze vorschreiben könnte, wo überall im Haus sie sich herumtreiben darf. Deshalb kommen fünfzehn Pfund Übergewicht ganz gelegen, weil sie dann näher am Boden bleibt.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Es ist nun einmal so, dass bei einer Geschichtensammlung nicht alles gefällt. So auch hier: von stark bis überflüssig ist alles dabei. (Ich weiß nicht, ob das ein echter Wermutstropfen ist.)

Lohnt es sich?

Mein Urteil fällt durchwachsen aus. Auch jetzt, da ich mich für diese Rezension noch einmal auf eher analytische und weniger spontan-intuitive Weise mit Calypso auseinandersetze. Das hat nicht unwesentlich damit zu tun, dass ich vorab zahlreiche Meinungen und Kritiken gelesen hatte, in denen Attribute wie amüsant, erheiternd oder brüllend komisch vergeben worden waren – also eigentlich genau das, was man bei einem David Sedaris erwartet. Die ersten beiden Erzählungen waren nach meinem Dafürhalten eher das Gegenteil: traurig und tragisch. Was nicht heißen soll, dass sie mir nicht gefallen haben, aber meine Erwartung, mit der ich an das Buch herangegangen war, stellte sich als falsch heraus und es dauerte einen Augenblick, bis ich mich auf den „anderen“ Sedaris einlassen konnte. Dann aber fand ich an diesem sogar größeren Gefallen als an dem bereits bekannten.

David Sedaris: Calypso. Aus dem Amerikanischen von Georg Deggerich. Blessing (2018).

Leseprobe: https://www.randomhouse.de/Buch/Calypso/David-Sedaris/Blessing/e541278.rhd

[Werbung/Rezensionsexemplar. Meinen Dank an den Blessing Verlag für die Zusendung.]