Zátopek & Laufen

Fern allen theoretischen Vorgaben, fern jedem Gedanken an so etwas wie Eleganz, kämpft Emil sich voran, schwer, zerquält, gemartert, ruckartig. er verhehlt nicht, wie grausam er sich müht, es ist seinem verzerrten, verkrampften, grimassierenden, fortwährend von einem Zucken heimgesuchten Gesicht eingeschrieben, wahrlich kein schöner Anblick. Seine Züge sind entstellt, wie von einem grässlichen Leid zerrissen, stoßweise schnellt seine Zunge hervor, als säßen in seinen beiden Schuhen Skorpione.

Warum diese Bücher?

Auf der Suche nach Literatur tschechischer AutorInnen bin ich auf die Graphic Novel Zátopek von Jan Novák und Jaromír 99 gestoßen. Darin geht es um einen der größten Langstreckenläufer Europas, Emil Zátopek. Dieser war mir zwar ein Begriff, aber nur ein vager. Da mich die Graphic Novel jedoch reizte, beschloss ich, zeitgleich eine Biografie über den Ausnahmeathleten zu lesen, um erstere besser verstehen zu können. Das erwies sich als klug.

Wer war Emil Zátopek?

Emil Zátopek (1922-2000) war ein tschechoslowakischer Langstreckenläufer, dessen Karriere in den 1940er Jahren begann. Er stellte achtzehn Weltrekorde auf, gewann viermal olympisches Gold und war dreifacher Europameister – um nur eine Auswahl seiner Erfolge zu nennen. Zátopek, auch die „tschechische Lokomotive“ genannt, war eine Art Volksheld, dessen läuferische Leistungen zu Zeiten des Eisernen Vorhangs von der kommunistischen Regierung dankbar zu Propagandazwecken instrumentalisiert wurden. Als er jedoch während des Prager Frühlings 1968 das „Manifest der 2000 Worte“ unterzeichnete und damit das herrschende Regime kritisierte, wurde er aller Ämter enthoben (Zátopek war Berufssoldat) und es kam zur öffentlichen Diskreditierung. In der Folge verdingte er sich unter anderem als Müllmann. Er wurde erst nach der Samtenen Revolution rehabilitiert.

Bekannt war Zátopek nicht nur wegen seiner außerordentlichen Leistungen, sondern auch wegen seines auffälligen Laufstils – er hatte keinen. Aufgrund seines fröhlichen und bescheidenen Wesens, seiner Menschlichkeit und seines Sportsgeistes war er auch im Westen äußerst beliebt. Er propagierte ein friedliches Miteinander und begegnete seinen Gegnern stets mit Respekt. Zátopek war auch dafür bekannt, seine Preise im Freundeskreis zu verschenken.

Es läuft alles gar nicht schlecht auf diese Weise, auch nicht für das tschechische Regime, das sich nach dem Krieg und dem Staatsstreich in Prag dem sozialistischen Block zugeschlagen hat und in Emil ein glänzendes Propagandainstrument erkennt. Er ist sein bester Diplomat, sein effizientester Botschafter, er ist jetzt ein Staatssportler.

Worum geht’s?

Sowohl die Graphic Novel Zátopek als auch die Biografie Laufen legen den Fokus auf die Zeit von Emil Zátopeks Karriere als aktiver Sportler. In der Biografie mehr als in der Graphic Novel wird zunächst der einfache familiäre Hintergrund des Ausnahmesportlers geschildert; auch der Beginn seiner athletischen Laufbahn wird in der Biografie etwas deutlicher beleuchtet. Beide Werke gehen dort, wo es um Zátopeks Trainingsverhalten, seinen eigenartigen Laufstil, seinen ungewöhnlichen Sportsgeist und natürlich seine Anhäufung an Erfolgen geht, gleichermaßen in die Tiefe. Immer wieder werden seine Eigenheiten herausgearbeitet und hervorgehoben. Zátopeks Beliebtheit beim Publikum ist ebenfalls jeweils zentrales Thema. In der Graphic Novel enden die Ereignisse mit Zátopeks Teilnahme an den Olympische Spielen 1952 in Helsinki, bei denen er über 5.000 m, 10.000 m und Marathon Gold gewann – eine bis heute unerreichte Leistung. Die Biografie dagegen widmet sich noch Zátopeks Erklärung, sich aus dem Laufsport zurückziehen zu wollen, worauf allerdings noch knapp zwanzig weitere Läufe folgten. Des Weiteren werden auch die Ereignisse des Prager Frühlings geschildert, in deren Folge Zátopek wie ein Strafarbeiter zunächst in einer Uranmine und später als Müllmann arbeitete.

Wie liest es sich?

Formatbedingt ist die Erzählweise der Graphic Novel stark komprimiert. Hätte ich nicht vorab die Biografie gelesen, wären mir einige Darstellungen leider nicht unbedingt klar geworden. Zwei oder drei Szenen blieben tatsächlich unverstanden, weil ich dazu auch nicht auf Informationen aus Laufen zurückgreifen konnte. Insgesamt hatte ich bisweilen den Eindruck, dass dem Autor das Leben Zátopeks derart detailliert bekannt gewesen sein muss, dass er es nicht länger schaffte, sich in einen nicht informierten Leser hineinzuversetzen und seine Strips danach zu entwerfen. Möglicherweise ist Zátopek aber auch einfach nicht für einen solchen Leser gedacht. Kritisieren würde ich auch das Sprachliche: so wird an vereinzelten Stellen auf eine dialektale Ausdrucksweise zurückgegriffen, ohne dass sich erschließen würde wieso, da die betreffenden Figuren nicht weiter vorgestellt werden. Ich konnte in diesen Fällen nicht entscheiden, ob es sich dabei um Tschechoslowaken handeln soll oder nicht – beides ergab keinen rechten Sinn. Auch habe ich nicht verstanden, ob damit eine bestimmte Aussage transportiert werden soll. Schwierig sind auch die Momente, in denen mit Spitz- und Kosenamen gearbeitet wird. Im Tschechischen sind vor allem Verniedlichungen gang und gäbe (aus Marie wird bspw. Maruška, aus Stanislav wird Standa), einem deutschen Lesepublikum dürfte das Schwierigkeiten bereiten und vielleicht hätte man hier auf eine Wiedergabe zugunsten eines besseren Verständnisses verzichten sollen. Ich hatte damit zumindest gelegentlich zu kämpfen, obwohl mir das Phänomen eigentlich vertraut ist.

Das klingt nun alles so, als ob mich Zátopek nicht sonderlich begeistert hätte. Das stimmt ganz und gar nicht. Emil Zátopek wird als der Mensch porträtiert, der er gewesen sein muss: willensstark, diszipliniert und charismatisch. Seine Ohmacht gegenüber dem Staatsapparat, aber auch seine Versuche sich dagegen zur Wehr zu setzen, werden thematisiert. Gut gefallen hat mir zudem, dass Zátopeks Ehefrau, Dana Zátopková (1922), viel Raum zugestanden bekommt. Sie ist eine ehemalige Speerwerferin und nahm gemeinsam mit ihrem Mann an den Olympischen Spielen in Helsinki teil, wo sie ebenfalls die Goldmedaille holte. Gelungen fand ich auch den Erzählstrang zur Geschichte von Jan Haluza, der den Hauptplot immer wieder mit Einschüben durchbricht. Jan Haluza (1914-2011) war ein tschechoslowakischer Läufer und Leichtathletiktrainer, der Emil Zátopek an die Weltspitze brachte. Da er eine Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei ablehnte, wurde er bezichtigt, sich der Widerstandskämpferin Milada Horáková angeschlossen zu haben und zur Zwangsarbeit in den Uranbergwerken von Jáchymov verurteilt. Genau wie Emil Zátopek wurde er mit Ende der Samtenen Revolution rehabilitiert. Szenen von Haluzas Martyrium werden immer wieder Szenen des Erfolgs von Zátopek gegenübergestellt, was die Perfidität des damaligen Regimes besonders deutlich macht. In jedem Fall hilfreich war die kleine Personenübersicht im Anhang, auf der auch angegeben ist, auf welcher Seite diese ihren ersten Auftritt haben. Zu guter Letzt besticht die Graphic Novel durch eine fantastische graphische Gestaltung, die für mich alle vorgenannten Kritikpunkte ein bisschen zur Nebensache werden ließ.

Die Zeichnungen sind durchgängig vierfarbig: Schwarz, Weiß, Orangerot und grünlich Blau. Wie bei Graphic Novels üblich, variiert das Bildformat von kleinen Darstellungen im klassischen Comicstil bis hin zu ganzseitigen Darstellungen. Es findet ein stetiger Wechsel von panoramahaften Darstellungen, Ausschnitten und gelegentlichen Detailaufnahmen statt. Mal sind die Szenen von klaren Bildrändern begrenzt, mal verschmelzen sind randlos mit dem Weiß des Papiers. Die Kombination aus alldem bringt eine starke Dynamik mit sich. Kräftige schwarze Konturen und die leuchtenden Farben sorgen für eine angenehme Lebendigkeit, und erlauben es zugleich, den Blick auf Schlüsselstellen zu lenken. Ich habe nach der Lektüre wiederholt in dem Buch geblättert und die ausdrucksstarken Zeichnungen auf mich wirken lassen.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Wie oben bereits beschrieben, hatte ich gelegentlich Verständnisprobleme, über die mir aber in fast allen Fällen die Biografie Laufen hinweghelfen konnte. Ohne ein wenig Hintergrundwissen zu Emil Zátopek dürfte die Lektüre der Graphic Novel schwierig werden.

Lohnt es sich?

Emil Zátopek wird hier ein wundervolles Denkmal gesetzt. Es macht Spaß, die kraftvollen Zeichnungen zu betrachten, die von sehr talentierter Hand geschaffen wurden. Auch wenn Zátopek einige erzählerische Schwächen hat, so ist die Graphic Novel auf visueller Ebene in jedem Fall uneingeschränkt zu empfehlen.

Eine Empfehlung sei auch für den biografischen Roman Laufen von Jean Echenoz ausgesprochen. Auf etwas über 120 Seiten wird die Karriere von Emil Zátopek in geradezu anekdotenhafter Weise dargestellt. Im Vordergrund stehen ganz klar die sportlichen Erfolge, auch wenn Informationen zu den familiären Verhältnissen, seiner Ehe oder seinem Militärdienst enthalten sind. Grundsätzlich ist der Autor hier mit Details aber sehr zurückhaltend. Eine Abbildung von Gefühlen oder Gedanken sucht man vergebens, selbst Dialoge haben den Charakter indirekter Rede. Alle Figuren bleiben passiv, das Dargestellte ähnelt einem Bericht. Verhältnismäßig nüchtern geht auch Eindordnung in die jeweils herrschenden politischen Bedingungen vonstatten. Laufen zeichnet sich letztlich auf allen Ebenen durch die Kunst des Weglassens aus. Tiefe und hohe Informationsdichte darf man nicht erwarten, aber der ungewöhnliche Stil sorgt für ein kurzweiliges Leseerlebnis. Und als Verständnishilfe für die Graphic Novel ist dieses Miniporträt in jedem Fall ausreichend.

Jean Echenoz: Laufen. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Berliner Taschenbuch Verlag (2011).

Jan Novák und Jaromír 99: Zátopek. Aus dem Tschechien von Mirko Kraetsch. Voland und Quist (2016).