Lebenskünstler

Rückkehren heißt, mit neuen Geschichten beladene Orte hinter sich lassen, Menschen hinter sich lassen, die einen Raum in unserem Leben beansprucht haben, von denen man aber nicht weiß, ob sie ihn auch in Zukunft noch ausfüllen werden. Rückkehren heißt zusehen, wie ein kurzes Stück Vergangenheit zu Erinnerung wird. Wie viel Traurigkeit steckt in Erinnerungen, wie viel Freude? Wie viele Details werden von selektiver Erinnerung in den Staub getreten? Rückkehren heißt verlieren und gewinnen.

 

Warum dieses Buch?

Dass der mexikanisch-französische Startenor Rolando Villazón auch schriftstellerisch tätig ist, war mir bis vor ein paar Wochen nicht bekannt. Über seinen bereits zweiten Roman Lebenskünstler stolperte ich nur zufällig, als ich die Neuerscheinungen dieses Jahres durchforstete (Lebenskünstler erschien im Januar als Taschenbuch). So richtig überrascht hat es mich dann aber doch nicht, ist dieser Mann doch ein kleiner Tausendsassa. Ich war sofort äußerst neugierig und machte mich auf die Suche nach Rezensionen und Pressestimmen. Etwas erstaunt stellte ich dabei fest, dass der Roman in privaten Literaturblogs überhaupt nicht diskutiert zu werden scheint und habe mich gefragt, wieso das der Fall sein könnte. Immerhin wird er eigentlich durchweg gelobt. So schreibt SWR2 beispielsweise: „‚Lebenskünstler‘ ist nämlich nicht nur ein intellektuelles Spielchen, mit clever verschachtelten Handlungssträngen und Bedeutungsebenen, sondern auch ein beeindruckendes Ideenfeuerwerk. Und bei all dem versprüht der Roman jede Menge Charme.“ Und beim Medienversandhändler jpc heißt es: „Ein poetischer, sprachspielerischer zweiter Roman eines großen Künstlers, metaphernstark und berührend.“

 

Worum geht’s?

Rolando Villazóns Lebenskünstler ist ein Gruppenportrait, in dem freigeistige Individuen gezeichnet werden, die ein Leben am Rande der Gesellschaft führen. Sie leben am Existenzminimum, sind unkonventionell, sprühen vor Kreativität und sie sehnen sich nach Liebe. Im Zentrum steht Palindromus, dessen echter Name möglicherweise Tomas lautet, vielleicht aber auch Ovid, und der ein Auge auf die jüngst zur Gruppe gestoßene Golondrina geworfen hat, die eigentlich ebenfalls anders heißt. Weiters sind da noch die Hobbyphilosophen Mopsos und Calcas, die Bühnenarbeiterin Vilma, die Artistin Sandrine mit chronischem Fernweh und der latent gewalttätige Zwerg Mô sowie eine üppige Anzahl nicht minder skurriler Nebenfiguren. Sie alle sind oder werden in verschiedene Spiele verstrickt, die sie sich entweder selbst ausdenken oder die ihnen von außen vorgegeben werden.

 

Worum geht’s wirklich?

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein Buch gelesen habe, dessen Inhalt sich irgendwie nicht zusammenfassen lässt. Zwar gibt es in Lebenskünstler einen roten Faden, aber der ist Teil eines enormen Erzählgeflechtes. Da wäre zum einen die Schatzsuche, auf die sich Palindromus begibt, in der Hoffnung am Ende die stumme Golondrina zu finden, an die er wider Willen sein Herz verloren hat. Palindromus, dessen Leben 16 Minuten vorgeht, ist die Hauptfigur des Romans und einer der titelgebenden Lebenskünstler. Er verdingt sich mit allerlei kleineren Jobs, denen er gelegentlich und ohne Ernsthaftigkeit nachgeht. Vieles hat er schon begonnen – eine Bühnenkarriere, einen Roman… – aber nie etwas zu Ende gebracht. Seine Leidenschaft gilt dem Erfinden von Spielen. Diese Leidenschaft macht sich Golondrina zunutze und schickt Palindromus, der sie nach einem Treffen gefragt hat, auf besagte Schatzsuche, eine Art Schnitzeljagd quer durch die Stadt, bei der die Hinweise für das nächste Ziel in Form von Palindromen1 gegeben werden. Golondrina spricht nicht, aber sie kann in einer Frequenz schreien, die Gläser zerspringen lässt. Des Weiteren gibt es da die Artistin Sandrine, die es immer wieder aufs Neue in die Ferne zieht und die im Roman mehr ab- als anwesend und trotzdem sehr präsent ist. Zur Gruppe gehört außerdem die Kulissenschieberin Vilma, mit den ausgeprägten Bizepsen, der Männer wie Frauen in erotisierter Benommenheit hinterherschauen. Vilma lässt gelegentlich Requisiten mitgehen, die sie dann vergräbt und die die übrigen Gruppenmitglieder mithilfe selbstgezeichneter Schatzkarten finden müssen. Die beiden Straßenmusiker Mopsos und Calcas, die sich schon lange und aus einer etwas zweifelhaften Vergangenheit her kennen, üben sich unentwegt im Philosophieren. Eine ihrer zentralen Fragen lautet, ob sie wirklich existieren oder ob sie Figuren in einem Roman sind. Nicht zuletzt gibt es noch den Zwerg Mô, der sich mit Palindromus in einem Spiel namens „Liliputanerkrieg“ befindet, bei dem es versteckte Kunststoffsoldaten zu finden gilt. Zahlreiche weitere Figuren haben in dem Roman ihren Auftritt, darunter auch eine Fliege, ein Glühwürmchen und ein Kampffisch, zentral sind jedoch die gerade genannten. Die Gruppe ist eine eingeschworene Gemeinschaft von Außenseitern und Eigenbrötlern. Sie sind allesamt versponnen, einsam, in Teilen narzisstisch – das verbindet sie miteinander. Sie bewegen sich die meiste Zeit quer durch die Stadt (ja, auch die Tiere); wiederkehrender Start- und Endpunkt ihrer Aktivitäten ist dabei die Kneipe Cava de los Espejos, die ihnen als eine Art ausgelagerter Gemeinschaftsraum dient. Um welche Stadt es sich genau handelt, bleibt im Unklaren. Nicht zuletzt wegen der spanischen Eigennamen und anderer Merkmale scheint Lateinamerika, aufgrund Villazóns Herkunft konkreter Mexiko, naheliegend. Persönlich hatte ich wiederholt das Gefühl mich in Mexiko-City zu befinden und habe den Roman für mich einfach dort verankert. Eine Rolle spielt das Wo bei so viel Was allerdings nicht. Neben den jeweils aktuellen Ereignissen, mit denen sich die Figuren konfrontiert sehen, geht es in verschiedenen Ausprägungen auch um ihre Innenleben, die vorrangig durch Rückblenden in die individuellen Vergangenheiten aufgedeckt werden. Ein zentrales Thema in diesem Zusammenhang sind Träume bzw. ihre Fragmenthaftigkeit in der Erinnerung.

 

Wir tragen alle unsere Narben, dachte er, und wenn wir sie ohne Scham vorzeigen können, heißt das, dass die Wunden von denen sie herrühren etwas Bedeutendes hinterlassen haben: eine Lektion, ein Wegstück, eine bestandene Prüfung. Eine Narbe ist dann ein Meilenstein in unserer Existenz.

 

Wie liest es sich?

Spielen ist nicht nur ein großes Thema des Romans, der Roman selbst scheint als Spiel verstanden werden zu wollen. Mehrfach wechselt die Erzählperspektive. In einem Kapitel werden die Ereignisse rund um Palindromus und Gefährten ausschließlich aus der Sicht Dritter wiedergegeben: als Beobachtungen eines Kontrolleurs aus der Überwachungszentrale der Metro, als Bericht eines Pendlers beim Abendessen an seine Frau, in einem Telefonat zwischen zwei Freundinnen, in einer Videobotschaft eines nicht näher bestimmten Menschen an sein zukünftiges Ich etc. Der Roman setzt sich zusammen aus Schilderungen, Monologen, Dialogen und Stimmversagen, aus direkter Anrede des Lesers, und Versuchen der Figuren, die Rolle des Autors einzunehmen. Doch nicht nur auf struktureller Ebene ist Lebenskünstler eine Wundertüte. Auch sprachlich und stilistisch wuchert es; manchmal derart, dass ich Schwierigkeiten hatte, den Ereignissen noch folgen zu können. Wortgirlande folgt auf Wortgirlande, verbale Üppigkeit aller Orten. Zahllose Metaphern und literarische Anspielungen (von denen ich, wie das untenstehende Beispiel des Titels allein bezeugt, die Mehrheit vermutlich nicht einmal verstanden habe). Inhaltlich geht es sogar noch bunter und irrwitziger zu. Der Roman hat surreale Momente und gelegentlich sogar Anklänge von magischem Realismus. Bei derart viel Schmuckwerk und Handlung bleibt die Frage nicht aus, ob nicht die Substanz darunter leidet: Wie gehaltvoll ist Lebenskünstler? Der Roman ist in jedem Fall imposant und anspruchsvoll, und obgleich er auch durchaus als versteckte Gesellschaftskritik gelesen werden kann, würde ich doch behaupten wollen, dass er nicht sonderlich tiefsinnig ist. Diesen Anspruch hat er aber vermutlich auch gar nicht; er will einfach unterhalten.

 

Sie antwortete mit einem freudlosen Lächeln, nahm ein Foto heraus, hielt es neben ihr blasses Gesicht und sagte: „Er hat alles erreicht und ich gar nichts. Doch diese Abwesenheit von Erfolg, durch die ich mich zwischen Abgründen bewege, hat so viel Luft zum Atmen, so viele weite Horizonte, in denen ich mich verlieren kann, dass ich sie nicht tauschen möchte gegen das Anhäufen von Erfolgen, an denen er erstickt oder platzt.“

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Rolando Villazón kann schreiben, ohne Zweifel. Sein sprühender Sprachstil, die schier unerschöpfliche Fantasie, das Absurde und Überzogene des Dargestellten, die komplexe Verquickung der Ereignisse, das Exzentrische und zugleich Verletzliche der Figuren… all das wurde mir jedoch gelegentlich zu viel. Der Roman Lebenskünstler ist wie ein stark duftendes Potpourri, das mich erst auf anregende dann auf anstrengende Weise eingelullt hat. Mir kam zwar zu keinem Augenblick der Gedanke den Roman abzubrechen, dafür ist die Faszination zu groß gewesen – die verschiedenen Ebenen verschmelzen immer stärker, so dass sie irgendwann nicht mehr auseinanderzuhalten sind –, ich kann mir aber vorstellen, dass Lebenskünstler nur bei einem kleinen Publikum Anklang finden wird. Der Roman ist im positivsten Sinne speziell.

Des Weiteren weiß ich nicht, ob ich mit dem Titel einverstanden bin. Der Begriff „Lebenskünstler“ impliziert für mich einen inneren Zustand der Zufriedenheit und Lebensfreude auch mit wenig materiellen Besitztümern; wenn man dem Leben trotz aller Widrigkeiten etwas Positives abgewinnen kann. Ist das hier der Fall? Ich habe da so meine Zweifel. Für mich strahlten ausnahmslos alle Figuren eine Verlorenheit und Einsamkeit aus. Echte Daseinsfreude oder Erfüllung konnte ich nicht erspüren. Der Originaltitel lautet Paladas de sombra contra la oscuridad, was so viel bedeutet wie “schaufelweise Schatten gegen die Dunkelheit“ – ein Leitmotiv des Romans und eine Anspielung auf den Roman 62/Modellbaukasten von Julio Cortázar, aus dem der Titel als Zitat entnommen wurde.2 (Eine Tatsache, über die ich selbst nur zufällig stolperte.) Zugegeben, das wäre ein etwas sperriger Titel, aber auch ein interessanter. Möglicherweise wollte man mit einem weiteren Einworttitel an den Vorgängerroman Kunststücke (Original: Malabares, dt. „Jonglieren“) anschließen. Auf den sich der Autor im Übrigen zu beziehen scheint: In Kunststücke (2014) kommt eine Clownin namens Sandrine vor.

Zuletzt würde ich den Klappentext bemängeln, der mit den folgenden Worten beginnt:
„Rolando Villazón kennt die Welt der Künstler und Lebenskünstler, mit ihrem Glanz und ihren Schattenseiten, von der er erzählt, sehr genau. Sie philosophieren, zeichnen, komponieren, erfinden Geschichten, falten Origamis, arbeiten an der Oper hinter den Kulissen: Seine Lebenskünstler stehen nicht im Rampenlicht, aber ihre Träume sind groß.“ Dieser Text hat bei mir gänzlich andere Erwartungen geweckt und damit werde ich sicherlich nicht allein sein. Bei dem Namen Rolando Villazón denkt man natürlich an große Bühnenstars und kreative Köpfe im Theaterwesen. Bilder von Randexistenzen, die in ihrer Kreativität belächelt werden, die sich in ihrer Einsamkeit aneinanderklammern und sich die Zeit mit Spielchen vertreiben, kommen dagegen nicht hoch.

 

Lohnt es sich?

Auf die Frage, ob man Lebenskünstler lesen sollte oder nicht, kann ich auch nach längerer Nachwirkzeit des Romans keine finale Antwort liefern. Wahrscheinlich muss man ihn als ein sehr fantasievolles, etwas schrilles aber zugleich melancholisches Kunstwerk betrachten, auf das man sich einfach einlassen muss. Die berüchtigte Frage „Was will der Künstler damit sagen?“ wird jede/r für sich selbst beantworten müssen – die Zugänge zum Roman sind so vielfältig wie die Leserschaft.

Ich denke ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass der Roman der großen Masse nicht zusagen dürfte. Ich persönlich werde ihn wohl kein zweites Mal lesen. Das soll aber keine Nichtempfehlung sein, denn den Vorgängerroman werde ich mir trotzdem bei Gelegenheit zu Gemüte führen. Neugierig hat mich der wilde literarische Stil Villazóns auf jeden Fall gemacht.

 

Rolando Villazón: Lebenskünstler. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen.
Rowohlt (2019).

[Werbung/Rezensionsexemplar. Meinen Dank an den Rowohlt Verlag
für die Zusendung.]

 

 

1 Wörter, Wortreihen oder Sätze, die rückwärts gelesen genau denselben Wortlaut bzw. Sinn ergeben.

2 “Y no había palabras, porque no había pensamiento posible para esa fuerza capaz de convertir jirones de recuerdo, imágenes aisladas y anodinas, en un repentino bloque vertiginoso, en una viviente constelación aniquilada en el acto mismo de mostrarse, una contradicción que parecía ofrecer y negar a la vez lo que Juan, bebiendo la segunda copa de Sylvaner, contaría más tarde a Calac, a Tell, a Hélène, cuando los encontrara en la mesa del Cluny, y que ahora le hubiera sido necesario poseer de alguna manera como si la tentiva de fijar ese recuerdo no mostrara ya que era inútil, que estaba echando paladas de sombra contra la oscuridad.” (Julio Cortazár: 62/Modelo para armar.)