Was man von hier aus sehen kann

Nicht nur die Leute, die die verschwiegene und bleibte Wahrheit herumtrugen, auch die Wahrheit selbst glaubte an Wahrhaftigkeit auf den letzten Drücker. Auch sie wollte kurz vor knapp unbedingt hinaus und drohte, dass es sich mit einer verschwiegenen Wahrheit im Leibe besonders qualvoll stürbe, dass es ein langwieriges Tauziehen werden würde zwischen dem Tod, der auf der einen Seite zieht, und der korpulenten Wahrheit, die auf der anderen Seite zieht, weil sie verschwiegen nicht sterben möchte, weil sie bereits ihr ganzes Leben lang bestattet war, weil sie jetzt wenigstens einmal kurz hinaus will, entweder um bestialischen Gestank zu verbreiten und alle zu erschrecken, oder um festzustellen, dass sie, bei Licht betrachtet, gar nicht so grauenhaft und furchterregend war.

 

Warum dieses Buch?

An Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky kam man im letzten Jahr quasi überhaupt nicht vorbei (obwohl schon 2017 veröffentlicht). Für gewöhnlich begegne ich Büchern, die dermaßen präsent sind und dann noch von allen Seiten in höchsten Tönen gelobt werden ja mit äußerster Skepsis – nichts ist so verdächtig wie uneingeschränkte Begeisterung! Viele, viele Bücher habe ich deswegen schon links liegen lassen. Nicht so in diesem Fall. Ich kann allerdings nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, was Ausschlag gab, den Roman trotzdem zu lesen. Vielleicht war es, weil er schon kurz nach Veröffentlichung meine Neugier geweckt hatte, oder weil er ein Jahr später immer noch in aller Munde war. Wie auch immer: uneingeschränkte Begeisterung nun auch meinerseits.

 

Worum geht’s?

Selma hat geträumt: Sie steht in einem Nachthemd auf einer Wiese am Waldrand; einige Schritte von ihr entfernt steht ein Okapi. Sie und das Okapi stehen ganz still, keiner gibt einen Laut von sich. Zuerst sieht Selma das Tier nur aus den Augenwinkeln, dann schauen sie sich unverwandt an. Selma erwacht. Es ist nicht das erste Mal, dass sie von einem Okapi träumt und die Bedeutung des Traums ist eindeutig: in den nächsten vierundzwanzig Stunden wird jemand im Dorf sterben. Wann genau das sein wird und wen es trifft, ist ungewiss. Selma erzählt ihrer Enkelin Luise von dem Traum, und ihrer Schwägerin Elsbeth. Dank Elsbeth weiß es in kürzester Zeit das gesamte Dorf. Angesichts des möglichen drohenden Todes gestehen die Bewohner lang gehütete Geheimnisse, fürchten unausgesprochene Wahrheiten oder versuchen Beweise derselben verschwinden zu lassen, andere betonen demonstrativ, nicht an solchen Humbug zu glauben.

 

Worum geht’s wirklich?

Schauplatz ist ein nicht näher benanntes Dorf im Westerwald. Hier lebt Selma, die aussieht wie Rudi Carrell und die Mon Chérie-Pralinen gerne das Innenleben aussaugt. Die resolute Witwe ist eine Institution im Dorf: ihr legt man wichtige Briefe zur Durchsicht vor, sie hat lebensweise Ratschläge parat, ihr Küchentisch ist das schlagende Herz der kleinen Gemeinschaft, die Gegenstand des Romans ist. Da ist zum Beispiel die ewiglich deprimierte Marlies, die an ausnahmslos allem etwas auszusetzen hat und fast nie ihr Haus verlässt, wo sie in verwaschenem Slip und ausgeleiertem Norwegerpullover Erbsen aus der Dose isst. Elsbeth ist hochgradig abergläubisch, geht damit allen auf die Nerven, wird im Angesicht von Selmas Traum aber sicherheitshalber doch vom halben Dorf aufgesucht, um Tipps gegen den Tod einzuholen. Der Optiker hegt eine verstohlene Liebe für Selma, hat ihr einen Koffer voller Briefanfänge geschrieben und seine Gefühle doch immer für sich behalten – trotzdem weiß jeder um seine Schwärmerei (außer Selma). Dann ist da Luise, Selmas Enkelin, die quasi von der Großmutter und dem Optiker großgezogen wird, da ihre Eltern zu beschäftigt sind, um Zeit für die Tochter zu haben. So wird Luises Mutter beispielsweise von der Frage umgetrieben, ob sie Luises Vater verlassen soll. Dieser wiederum legt sich aufgrund seines Psychoanalytikers Dr. Maschke zuerst einen riesengroßen Hund zu und zieht später in die Welt hinaus. Luises bestem Freund Martin, der Gewichtheber werden möchte, steht immer eine Haarsträhne ab. Genau wie seinem Vater, einem versoffenen Jäger, der sich später zum gottesfürchtigen Frömmler mausert.

Der Roman ist dreigeteilt. Der erste Teil gibt die vierundzwanzig Stunden (etwas mehr) nach Selmas Traum wieder. Hier werden die meisten Charaktere eingeführt und ihre vielgeflechtigen Beziehungen zueinander herausgearbeitet. Von Anfang an zentral ist auch der Schauplatz, mit dem die Figuren wie verwachsen scheinen, ein Mikrokosmos, der wesentlich zur Struktur beiträgt. Die Teile zwei und drei spielen jeweils etliche Jahre später. Über die gesamte erzählte Zeit von etwa 25 Jahren liegt der Fokus sowohl auf der zwischenmenschlichen Ebene als auch auf dem Innenleben der Individuen. Der innere Aufruhr eines jeden Charakters, der von den anderen (vermeintlich) unbemerkt vonstattengeht – unartikulierte Ängste, Sorgen, Nöte – ist eingebettet in ein teilweise schon überfürsorgliches Füreinanderdasein aber auch in Versuchen der Abnabelung. Die Außenwelt scheint keinerlei Bedeutung zu haben: Auf tagespolitische oder historische Ereignisse wird kein Bezug genommen, mit der einzigen Ausnahme des zweiten Weltkriegs, dem Luises Großvater zum Opfer fiel. Außer Luises Vater, der die anderen wiederholt dazu auffordert „mehr Welt hineinzulassen“, verlässt niemand die Region. Am Ende jedoch lässt Luise die Welt hinein in Form von Frederik, der in Japan ein Leben als buddhistischer Mönch führt.

 

Wie liest es sich?

Ab Seite eins war ich hingerissen, denn es menschelt sehr in Was man von hier aus sehen kann. Mariana Leky entwickelt verschrobene aber herzliche Charaktere, setzt sie in einen wundervollen Mikrokosmos und beobachtet sie. Fein platzierte Rückblenden komplettieren ihre Darstellung. Alle Figuren bewegen sich am Rand des Überzogenen, wirken aber niemals lächerlich. Im Gegenteil, in ihrer Marottenhaftigkeit sind sie über die Maßen liebenswürdig. Wahrscheinlich, weil die Autorin sie mit prägnanten Eigenschaften ausstaffiert, die klare Charaktere erschaffen aber keine Stereotype. In der Folge geht dem Roman alles Klischeehafte und Vorhersehbare ab – das gilt auch für das Romanende: obgleich alle Zeichen auf Happy End stehen, bleibt der Ausgang in mancherlei Hinsicht offen. Hier liegt sich niemand schmachtend in den Armen und säuselt süße Worte der Zuneigung. Das stünde dem Roman bei allem Vorhergegangenen auch nicht zu Gesicht.

Neben den gelungenen Charakteren konnten mich auch Lekys Stil und Erzählweise überzeugen. Sie bedient sich einer klaren, pointierten Sprache, die aber viel Raum lässt für Warmherzigkeit und sogar einen Hauch von Rührseligkeit. Durch die vereinzelten fantastischen Elemente bekommt Was man von hier aus sehen kann Züge eines Märchens, gleichwohl das typische Element des Gut-gegen-Böse fehlt. Stattdessen geht es vielmehr um Schicksalhaftigkeit. Verschiedene Leitmotive und Wiederholungen alltäglicher Szenarien geben dem Roman einen Rhythmus, der eine Schönheit schafft, die in ihrer Schlichtheit geradewegs verzaubert. Indem immer wieder bereits Erzähltes erneut aufgegriffen wird, entwickelt sich ein kohärenter Erzählstrang von angenehmer Sogkraft. Was man von hier aus sehen kann ist ein sehr rhythmischer, in sich stimmiger Roman.

 

Sie stand am Waldrand und zögerte ein letztes Mal. Nach Selmas Traum allein in den nächtlichen Wald zu gehen, war wie eine Einladung an den Tod, Elsbeth fand, dass sie sich ihm geradezu in die Arme warf. Andererseits wäre es irgendwie billig vom Tod, eine so offensichtliche Situation auszunutzen. Wieder andererseits stand der Tod jetzt unter immensem Zeitdruck, er hatte nur noch ungefähr eine Stunde, um zuzuschlagen, und da ist man weniger anspruchsvoll und gibt sich auch mit schludrigen Lösungen zufrieden.

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Zugegeben, der Roman schrabbt gelegentlich haarscharf am Kitschigen vorbei. Dass er nicht zur Schmonzette verkommt liegt daran, dass Leky den Kunstgriff fertigbringt, keine Klischees zu bedienen oder Stereotype aufleben zu lassen. Sie legt ihren Figuren keine schwülstigen Worte in den Mund und bleibt auch in emotional schwierigen Situationen klar.

 

„Könnten Sie wohl vorbeikommen?“ Der Optiker fragte das, als sei Frederik nicht am anderen Ende der Welt, sondern im Nachbardorf. „Natürlich,“ sagte Frederik.

 

Lohnt es sich?

Was man von hier aus sehen kann ist ein Roman zum Lachen und Weinen. Er ist wunderbar verschroben und doch sehr menschlich – ein Highlight!

 

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Büchergilde Gutenberg (2018).