Hör auf zu lügen

 

Im Allgemeinen benehme ich mich nicht eifersüchtig, und das grässlich Zänkische von Megären1 habe ich immer entwürdigend gefunden. Nur, dass all meine schönen Grundsätze innerhalb einer Sekunde zerstieben, der Sekunde, als das Mädchen Thomas umschließt. Weil dies Geschehen ein Leben offenbart, das ohne mich gelebt wird. Und mich ins Leere zurückstößt, in die grausamste Art des Nichtvorhandenseins.

 

Warum dieses Buch?

„Hör auf zu lügen“ von Philippe Besson landete im Laufe des letzten Jahres aufgrund von verschiedenen Beiträgen bei Instagram auf meiner Liste mit Buchempfehlungen. Die Erfahrung zeigt ja aber leider, dass wenn man Empfehlungen nicht zeitnah folgt, meist gar nichts daraus wird, außer, dass die Liste immer länger und länger wird… Also gesagt, getan. Ich bin ein bisschen stolz auf meinen bibliophilen Aktionismus und hoffe er dauert an. Gelohnt hat es sich auch noch, was will man also mehr!?

 

Worum geht’s?

„Hör auf zu lügen“ ist das jüngste Werk des französischen Schriftstellers Philippe Besson. Es ist ein autobiografischer Roman in dessen Zentrum die Homosexualität des Autors steht, genauer ein konkreter Lebensabschnitt: seine erste und große Liebe Thomas.

Philippe liebt den dunkeläugigen und schweigsamen Thomas mit dem Wuschelkopf, der lässigen Haltung und ein Jahr älter als er selbst nur aus der Ferne. Dieser scheint nicht einmal zu wissen, dass Philippe überhaupt existiert. Die beiden besuchen dasselbe Gymnasium, damit enden die Überschneidungen aber auch schon. Philippes Liebe scheint hoffnungslos, doch eines Tages spricht Thomas ihn unvermutet an, nennt einen Ort und eine Zeit für ein Treffen. Mit diesem ersten Treffen beginnt ihre gemeinsame Geschichte; eine Geschichte, die im Verborgenen stattfindet.

Rund drei Jahrzehnte später wird eine unerwartete Begegnung für Philippe Besson zum Anlass, sich noch einmal mit Thomas auseinanderzusetzen und dabei sich selbst zu durchleuchten.

 

Worum geht’s wirklich?

Es sind die achtziger Jahre und die Liberalität gegenüber Homosexuellen wächst dank zahlreicher Schwulen- und Lesbenbewegungen; zugleich erzeugt die rasante Ausbreitung von AIDS neue Vorurteile und Repressionen. Das neue Selbstverständnis führt in den großen Städten zu einer zunehmenden Sichtbarwerdung Homosexueller, die Strukturen hervorbringt, die ein sexuell selbstbestimmtes Leben fördert und erleichtert. Philippe Besson jedoch wächst in der französischen Provinz auf, etwa 100 km nördlich von Bordeaux: Barbezieux ist eine überschaubare Gemeinde, in der von einer diesbezüglichen Freigeistigkeit erst wenig zu spüren ist. Er ist sich seiner Homosexualität schon sehr früh, nämlich mit elf Jahren, bewusst und akzeptiert sie sofort als Teil seines Seins. Bereits in diesem jungen Alter sammelt er mit einem Jungen aus dem Dorf erste sexuelle Erfahrungen. Er steht zu sich selbst, aber nur in der Stille, nach außen hin schweigt er. Es ist ein instinktiver Selbstschutz.

Als er auf dem Gymnasium Thomas trifft, wird sein Kosmos schlagartig um die Dimensionen Liebe, Zuneigung und Verlangen erweitert. Er macht erste Leidenserfahrungen mit Eifersucht und Sehnsucht. Motive, die nach eigener Aussage seine ganze spätere schriftstellerische Tätigkeit bestimmen werden. Philippe verfällt Thomas regelrecht. Aus einem strengen und konservativen Elternhaus kommend, ist er es gewohnt zu gehorchen, und so befolgt er widerspruchslos die nie verbalisierten Regeln ihres Zusammenseins, die Thomas aufstellt. Philippe ist folgsam, gewiss auch naiv, aber nicht unreflektiert (was nicht bedeutet, dass er zwangsläufig reflektierte Entscheidungen trifft). Er versteht intuitiv, woher diese Bedingungen rühren. Zugleich leidet er darunter. Er ist 17 und es fehlt ihm schlicht an Lebenserfahrung. Woher soll er sie auch haben diese Lebenserfahrung, wo er doch in einem Provinznest feststeckt, das es ihm unmöglich macht, seine Sexualität offen zu leben.

Während Thomas Philippes Leben zu bislang unbekannter Intensität verhilft, ist er es zugleich auch, der diesen in seiner Entwicklung hemmt: Thomas führt zwei Leben, das gesellschaftlich anerkannte und das verborgene, zu dem Philippe gehört. Er kann nicht zu seiner Sexualität stehen und verleugnet diese. Indem er dies tut, verleugnet er in gewisser Hinsicht auch Philippe. Zugleich wird die Beziehung der beiden dadurch belastet, dass sie zu unterschiedlichen sozialen Milieus gehören. Philippe stammt aus der Bildungsschicht, sein Vater ist Lehrer, und so gehören Bücher und Wissen von Kindesbeinen an zu seinem Leben. Er ist ein herausragender Schüler und nach dem Abitur wird er zweifelsohne die Universität besuchen. Es scheint vorbestimmt, dass Philippe Barbezieux verlassen wird. Thomas hingegen ist der einzige Sohn eines Weinbauern und soll eines Tages den Hof übernehmen. Seine jüngste Schwester ist geistig zurückgeblieben. Thomas wird vermutlich irgendwann die Verantwortung auch für sie haben. Die traditionellen Strukturen seiner Herkunft machen ihm ein Coming-out unmöglich. Schuld an dieser Unmöglichkeit trägt jedoch nicht nur die seinerzeit herrschende mangelnde Liberalität, auch Thomas‘ Halsstarrigkeit, seine Unerbittlichkeit gegen sich selbst, verbauen ihm den Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Er zwängt sich in eine Norm, der er nicht spricht, heiratet und wird Vater, und bleibt in der Folge unglücklich. Sein Leidensdruck endet im Suizid.

 

Wie liest es sich?

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei dem Roman um eine autobiografische Schrift. Obwohl folglich aus der Ich-Perspektive erzählt wird, könnte es sich dabei jedoch ebenso um einen klassischen Ich-Erzähler fiktiver Ereignisse handeln. Zweifel an der Authentizität des Erzählten werden allein schon deshalb möglich, weil der Philippe des Romans wiederholt betont, schon als Kind besonders gut darin gewesen zu sein, sich fiktive Lebensläufe auszudenken. Seine Mutter schilt ihn dafür mit den Worten „Hör auf zu lügen“. Demnach könnte sogar bereits der Titel (im Original „Arrête avec tes mensonges“ = Hör auf zu lügen) als Hinweis darauf verstanden werden, das alles, was zwischen den Buchdeckeln geschieht, niemals der Wahrheit entsprochen hat.

Letztendlich ist es aber egal, ob es sich um eine Autobiografie handelt, einen Roman mit autobiografischen Elementen oder eine vollständig erdachte Geschichte. „Hör auf zu lügen“ ist sehr real, manchmal realer als man als LeserIn ertragen kann: Wertvorstellungen landen auf dem Prüfstand, Zwänge werden aufgedeckt, Erwartungen seziert. Es ist ein sehr intimes Buch, nicht allein wegen der intimen Szenen – Philippe entblößt sich physisch wie psychisch. Der Roman hat etwas Tagebuchhaftes an sich, liest sich wie ein Destillat daraus. Und tatsächlich verhält es sich exakt so: die Ereignisse werden auf das Wesentliche eingedampft. Schnörkellos, unumwunden, direkt.

Gelungen finde ich persönlich bereits den Einstieg in den Roman, eine Art Prolog über knapp zwei Seiten, der aus einem einzigen Satz besteht. Er gibt den Ereignis- und Gedankenstrudel wieder, mit dem der Lebensbericht seinen Anfang nimmt.

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Das einzige, worüber ich mich vielleicht beklagen könnte, wäre, dass der Roman schneller zuende ist, als man möchte. Aber letztlich hat er dann doch genau den richtigen Umfang: nichts ist zu viel und nichts zu wenig – alles ist wohldosiert.

 

Lohnt es sich?

„Hör auf zu lügen“ ist ein sehr intimer, aber unsentimentaler Roman. Der Autor nimmt eine ungeschönte Analyse vor, ohne dabei unangemessen hart ins Gericht zu gehen. Er lamentiert und klagt auch nicht, oder wird rührselig. Alles wirkt genau richtig, wohldurchdacht, aber nicht konstruiert. Ich habe das Buch gern gelesen, auch, weil es auf zahlreiche Filme, Persönlichkeiten und andere Bücher Bezug nimmt. „Hör auf zu lügen“ wird wahrscheinlich ein Bleiberecht in meinem Bücherregal erhalten, eine Ehre, die nicht jedem Buch zuteil wird.

 

Philippe Besson: Hör auf zu lügen. Aus dem Französischen von Hans Pleschinski.
C. Bertelsmann (2018).

[Werbung/Rezensionsexemplar. Meinen Dank an den C. Bertelsmann Verlag
für die Zusendung.]

 

1 Megäre: Eine der drei Rachegöttinnen in der griechischen Mythologie.