Letterbericht Nr. 1

In der Kategorie Letterbericht werde ich euch künftig in unbestimmten Abständen in aller Kürze Bücher vorstellen, für die ich keine ausführliche Rezension verfassen möchte, die euch aber auch nicht vorenthalten möchte. Letterbericht Nr. 1 – Los geht’s!

Jan Procházka: David und der Weihnachtskarpfen

Der Junge steht neben dem Vater. Unaufhörlich läuft ihm die Nase. Er zieht’s einfach hoch. „Das ist kein Karpfen, das ist ein Walfisch“, sagt der Fischhändler und reicht dem Vater den Fisch, auf den David gezeigt hat. „Wie viele sind Sie denn?“, fragt er. „Drei“, antwortet der Vater. „Das reicht bis Ostern“, sagt der Fischhändler. „Aber an Fisch überisst man sich ja nicht.“

Karpfen ist in Tschechien das urtypische Weihnachtsessen überhaupt. Kein Wunder also, dass er auch in der Literatur anzutreffen ist, hier in einem Kinderbuch, das 1975 sogar auf der Auswahlliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis stand. Es geht darin um David, der auf dem Markt den Weihnachtskarpfen für die Familie aussuchen darf. Der Junge sieht in dem Tier jedoch kein Festessen, sondern einen Freund und so versucht er, ihn vor seinem Schicksal zu bewahren, was ihm schließlich auch gelingt. Da die kurze Geschichte jungen Lesern gerecht werden möchte, ist sie in sehr einfacher Sprache gehalten. Mich konnte David und der Weihnachtskarpfen nicht komplett überzeugen, aber ich glaube Kindern könnte die Geschichte gefallen. Vielleicht ein nettes Last-Minute-Geschenk?

Jan Procházka: David und der Weihnachtskarpfen. Südeutsche Zeitung Junge Bibliothek (2005).

Petra Hartlieb: Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung

Hunderte Bücher gehen heute über den Ladentisch, Hunderte Geschichten werden erzählt, zig Bücher in Weihnachtspapier eingewickelt. Der Dienstplan ist minutiös eingeteilt, wir sind den ganzen Tag zu sechst, jeder macht eine Stunde Mittagspause, ansonsten: durcharbeiten, durchreden, durchlaufen.

Der neuste literarische Streich der Wiener Buchhändlerin war ein schmackhafter Lesesnack. In Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung beschreibt sie heiter und leidenschaftlich den Trubel der Weihnachtszeit im Buchhandel, der zuweilen auch in reinen Wahnsinn ausartet. Zugegeben, zunächst sprach mich das kleine Büchlein gar nicht an: optisch sehr hübsch, doch inhaltlich für mich uninteressant. Dann aber hatte ich es im Adventskalender und habe es also gelesen, und tja, was soll ich sagen: schön war‘s.

Petra Hartlieb: Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung. Dumont (2018).

Émile Zola: Thérèse Raquin

Manchmal, wenn es sonntags schön war, zwang Camille Thérèse, mit ihm auszugehen zu einem kleinen Spaziergang auf den Champs-Elysées. Die junge Frau wäre lieber im feuchten Dunkel des Ladens geblieben; sie ermüdete, sie langweilte sich am Arm ihres Mannes, der sie über die Bürgersteige schleppte, mit Staunen, allerlei Bemerkungen und dem Verstummen des Dummkopfs vor den Läden stehenblieb.

Die namensgebende Protagonistin Thérèse Raquin wächst als Ziehkind bei ihrer Tante in der französischen Provinz auf, zusammen mit ihrem kränklichen und schwächlichen Cousin Camille. Die Tante besteht auf die Verheiratung der beiden und als es schließlich dazu kommt, ziehen die drei in eine kleine Wohnung nach Paris, wo die Frauen einen Kurzwarenladen eröffnen. Die Ehe ist leidenschaftslos und öde. Thérèse beginnt eine Affäre mit Camilles bestem Freund Laurent, mit der für alle Beteiligten der Abstieg in die Hölle beginnt. Thérèse Raquin wird der literarischen Strömung des Naturalismus zugeschrieben; es ist der Versuch einer wissenschaftlichen Analyse des menschlichen Innenlebens und Handelns, bar aller Verklärungen. Der Stil hat etwas Protokollarisches, der Ausdruck ist sehr differenziert. Das ist zuweilen anstrengend, einiges fand ich auch repetitiv, alles in allem aber spannend zu verfolgen. Sehr interessant ist auch das Nachwort des Übersetzers, in dem er die sprachlichen Problemstellen des Romans thematisiert.

Émile Zola: Thérèse Raquin. Aus dem Französischen von Wolfgang Tschöke. Dtv (2008).


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