Der Mann aus Želary

Liebe ist das am geringsten geachtete Wort im menschlichen Vokabular. Fast alles lässt sich so bezeichnen. Alle Begierden, selbstsüchtigen Angewohnheiten, Neid, sogar Hass und Arroganz. Mein Verhältnis zu Joza verdiente eine genauere Untersuchung. Es ließ sich nicht benennen. Jedenfalls nicht einfach. Es war Freundschaft, Zärtlichkeit, Mitgefühl, aber auch Angst und Verzweiflung. Das war alles untrennbar miteinander verschweißt.

 

Warum dieses Buch?

Ich war auf der Suche nach einem Roman, der die deutsch-tschechische Geschichte zum Thema haben sollte. Dabei stieß ich auf Der Mann aus Želary von Květa Legátová (eigentlich Věra Hofmanová), einer tschechischen Autorin, die unter den Kommunisten als politisch unzuverlässig galt und deshalb nur unter wechselnden Pseudonymen publizieren konnte. Das Pseudonym Květa Legátová behielt sie auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bei. Die Verfilmung der Novelle unter dem Titel Želary war 2004 bei den Oskars in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert.

 

Worum geht’s?

Protektorat Böhmen und Mähren: Die junge Ärztin Eliška arbeitet als Kurierin für den Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Mit traumwandlerischer Sicherheit kommt sie ihrem gefährlichen Auftrag nach, immer getragen von der heimlichen Affäre mit dem verheirateten Arzt Richard, der sie überhaupt erst für die Sache rekrutiert hat. Doch die Widerstandsgruppe fliegt auf und während sich Richard ins Ausland absetzen kann, flieht Eliška dank der Hilfe eines Kollegen in die Abgeschiedenheit der tschechischen Berge. Begleitet wird sie von ihrem Patienten Joza, einem einfachen Schmied und Holzarbeiter, der sie in seinem Dorf Želary zur Frau nehmen soll, um ihr eine neue Identität zu verschaffen. In Želary scheint die Zeit vor Jahrhunderten stehen geblieben zu sein.

 

Worum geht’s wirklich?

Inmitten der turbulenten Wirren des zweiten Weltkrieges entwickelt sich in einem abgelegenen Dorf nahe der slowakischen Grenze eine stille, respektvolle Liebe zwischen der Ärztin Eliška und dem einfachen Handwerker Joza. Anfangs sind die neue Identität, Eliška heißt nun Hana, und das einfache, raue Leben in den Bergen für die junge Frau eine schier nicht zu bewältigende Last. Sie erkennt jedoch schnell, dass sie keine andere Wahl hat als beides anzunehmen, wenn sie der Gestapo entkommen möchte. Maßgeblich dank der Unterstützung ihrer Nachbarin Žeňa lernt sie nicht nur, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden, sondern auch die Schönheit darin zu sehen. Doch irgendwann ist der Krieg auch in dem Bergdorf angekommen.

 

Wie liest es sich?

Der Mann aus Želary gleicht einem Bach, der sanft plätschernd seiner Quelle entspringt, um nur kurze Zeit später tosend durch sein Bett zu strömen, reißend und wilde Wirbel bildend, die alles auf den Grund zu ziehen drohen, bevor sich die Wasser sich wieder beruhigen, glitzernd über Kiesel rinnen, am Ende aber doch ihre Kräfte bündeln und ihre vernichtende Kraft bezeugen. Der Stil ist schlicht, aber kraftvoll. Erzählt wird aus der Perspektive Eliškas, wodurch eine größere Intimität möglich wird, die zur Intensität der Darstellungen beiträgt: Eliška/Hana als die Neue in einer archaisch anmutenden Gemeinschaft, deren Regeln sie erst lernen muss, hineingeworfen in einen Lebensraum, der bedrohlich werden kann.

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Die Figurenkonstellation wird mit Eliškas Ankunft im Bergdorf Želary vergleichsweise komplex und es ist nicht immer einfach, die verschiedenen Charaktere auseinanderzuhalten bzw. ihre Beziehung zu einander zu verstehen. Manches wird wie beiläufig in die Erzählung eingestreut, anderes explizit dargelegt, bleibt aber auch dann zunächst irgendwie schlecht zuordenbar. Ein echter Wermutstropfen ist das allerdings nicht, höchstens ein kleiner Stolperstein, der dem Plot aber keinen Schaden zufügt.

 

Lohnt es sich?

Der Mann aus Želary ist eine tief poetische, anrührende Novelle, die mich mit einem Wow-Gefühl zurückließ. Es fällt mir erstaunlich schwer zu beschreiben, woher diese Begeisterung rührt, weil es weniger einzelne Aspekte sind, die bestechen, als die eindrucksvolle Gesamtkomposition. Ich glaube man kann sagen, dass sich die Geschichte beim Lesen ins Herz schleicht in dem Maße, in dem Eliška Joza aufrichtig zu lieben beginnt. Der Mann aus Želary ist eine Liebesgeschichte, die das vollkommene Gegenteil vom genretypischen Happy-End-Geschmuse darstellt, die ohne Pathos daherkommt, in gewisser Hinsicht spröde und rau ist, wie das Bergdorf, in dem sie sich abspielt, gleichwohl voller Zärtlichkeit. Ja, es lohnt sich, und wie!

 

Verfilmung

2003 verfilmte der tschechische Filmproduzent und -regisseur Ondřej Trojan die Erzählung unter dem Titel Zelary und erhielt dafür 2004 eine Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film.


Květa Legátová: Der Mann aus Želary. Aus dem Tschechischen
von Sophia Marzloff. Dtv (2004).


Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Literatur aus Israel?