Ich dachte an die goldenen Zeiten

Und so lauschte er seiner Leber und bemitleidete sich, dass er wahrscheinlich schon bald wieder in die Karlsklinik zurückkehren würde, er hörte jenen zu, die das Los operierter Gallenblasen mit ihm teilten, er lauschte seiner Leber und den Gallengängen, durch die seine Galle sich langsam zwängte, vergnügt hörte er, dass einige noch vier Jahre nach der Operation Beschwerden hatten, dass sie, wenn sie ein Schmalzbrot oder ein fettes Stück Schweinefleisch gegessen hatten, sich sofort hinlegen und über die Letzten Dinge des Menschen nachdenken mussten.

 

Warum dieses Buch?

Bohumil Hrabal war mir bislang nur ein Begriff, weil ich den Film Ich habe den englischen König bedient gesehen habe. (An dieser Stelle seine eine dringende Empfehlung für diesen wunderbaren Film ausgesprochen!) Seitdem wollte ich unbedingt das Buch lesen, habe mich schlussendlich aber doch für einen anderen Roman entschieden, da ich Lust auf eine neue Geschichte hatte. Die Wahl fiel ohne besonderen Grund auf Ich dachte an die goldenen Zeiten, es war tatsächlich einfach eine spontane Entscheidung.

 

Worum geht’s?

Ich dachte an die goldenen Zeiten ist ein autobiographisch angelegter Roman, in dem Bohumil Hrabal die Geschichte seiner Ehe erzählt bzw. erzählen lässt, nämlich aus der Perspektive seiner Frau Eliška. Sie berichtet von dem wechselvollen Leben mit ihrem „Kleinod“, wie sie Hrabal nennt. Im Fokus stehen die Jahre zwischen Hrabals literarischem Durchbruch 1964 (da war er bereits 50 Jahre alt) und dem Umzug des Paares in einen Neubau, die lange herbeigesehnte Plattenbauwohnung mit eigenem Bad, einige Jahre später. Der Titel Ich dachte an die goldenen Zeiten nimmt dabei Bezug auf die Zeit vor den literarischen Erfolgen, in denen das Geld knapp war und Bohumil Hrabal verschiedensten Tätigkeiten nachging, in denen aber auch Zensur und Berufsverbot noch nicht zum Alltag gehörten.

 

Worum geht’s wirklich?

Abgeklärt berichtet Eliška von den Macken und Marotten ihres Mannes, einer der bedeutendsten tschechischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, Bohumil Hrabal. Ihre Schilderungen sind vollkommen uneitel, sie entlarven Hrabal als Hypochonder, Trunkenbold und Vielfraß. So wird wiederholt von Sauf- und Fressgelagen berichtet, die als „Hochzeiten im Hause“ bezeichnet werden, von Kneipentouren schier endlosen Ausmaßes, von Schlachtfesten und weiteren Ausschweifungen, die irgendwann ihren Tribut fordern. Hrabals Kontroversen mit der Bürokratie aufgrund seines Status als „zu liquidierende Schriftsteller“, wie es im Roman heißt, offenbaren seine Ungeschicktheit. Bei öffentlichen Veranstaltungen lässt seine Schamhaftigkeit ihn lauter Fehlleistungen vollbringen. Bohumil Hrabal wird als durch und durch unperfekter Mann beschrieben, für dessen fortwährende Kapriolen, zum Beispiel dafür, dass er die Bargeldvorschüsse seines Verlages in einem Einkaufsnetz herumträgt, Eliška viel Beherrschung beweist. Eingebettet sind die Schilderungen in die geschichtlichen Ereignisse der Tschechoslowakei, vorrangig der 1960er Jahre. Dazu gehört auch Hrabals Begegnung mit Heinrich Böll 1968 auf dem Wenzelsplatz, mitten im Prager Frühling.

 

Wie liest es sich?

Hrabals Frau Eliška erzählt wie beiläufig aus ihrer Ehe mit dem Autor, dessen Durchbruch erst sehr spät erfolgte. Dabei ist Hrabal selbst jedoch nur allzu deutlich hinter der Erzählfigur zu erkennen, denn die Beschreibungen des trinkfreudigen, verträumten und wehleidigen Mannes werden humorig, mit einem Augenzwinkern vorgetragen. Das Geschilderte ist unübersehbar überspitzt, so dass man sich als LeserIn immerzu fragt, wie viel davon geglaubt werden kann. Dadurch entsteht eine gewisse Skepsis, die wiederum für die nötige Ernsthaftigkeit sorgt und verhindert, dass es klamaukig wird. Ernsthaft sind zeitweise auch die Umstände: Zensur und Berufsverbot, Büchervernichtung und Polizeikontrollen. Der Prager Frühling bedeutet einen entscheidenden Einschnitt für Bohumil Hrabal, der erst mit dem Ende des Kalten Kriegs wieder ungehindert publizieren kann. Doch bevor es allzu schwermütig wird, fließen Geschichten über den florierenden Schwarzmarkt mit verbotenen Büchern ein, die Eliška im Altpapierbetrieb, in dem sie beschäftigt ist, zur Seite schafft. Ironie und Verschmitztheit sind die Töne, aus denen dieser wunderbare Roman komponiert wurde.

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Ich finde ja eigentlich immer irgendetwas zu „meckern“, aber hier nicht. Ich habe Ich dachte an die goldenen Zeiten regelrecht verschlungen und den Roman vom ersten bis zum letzten Zeichen als puren Genuss empfunden.

 

Lohnt es sich?

Ja! Ja! Ja! Unbedingt lesen. Um mich ist es vollkommen geschehen und ich werde mich mit zweifelsfreier Sicherheit einmal durch Hrabals Gesamtwerk lesen.

 

Bohumil Hrabal: Ich dachte an die goldenen Zeiten.
Aus dem Tschechischen von Susanna Roth. Suhrkamp (1999).