Die Welt war so groß

[Werbung/Rezensionsexemplar]

Die meisten Mädchen in Radcliff wussten, dass dieses Jahr die letzte Gelegenheit war, einen Ehemann zu finden oder die Beziehung zu dem Auserwählten zu festigen. Die Rektorin erklärte es in einer eindrucksvollen Rede für durchaus möglich, Karriere und Ehe und Mutterschaft zu verbinden. Aber alle wussten, wie schwierig das war. Männer hatten einen Beruf, Frauen hatten Jobs.

 

Warum dieses Buch?

Eigentlich hatte mich die Leseprobe gar nicht gereizt: der Titel war irgendwie wenig aussagekräftig, das Cover für meinen Geschmack zu lieblich und der Klappentext klang nach einem ausgeleiertem Thema: Frauen in den mittleren Jahren in der Sinnkrise… Nun, was soll ich sagen, ich habe dann doch mal in die Leseprobe reingelesen und musste feststellen, dass der Roman nicht so weichgespült zu sein schien wie befürchtet. In der Hoffnung, mit Die Welt war so groß keinen typischen Frauenroman vorliegen zu haben, gab ich dem Ganzen mal eine Chance.

 

Worum geht’s?

Radcliff College Ende der Fünfzigerjahre, vier junge Frauen – Daphne, Emily, Annabel und Christine – nehmen ihr Studium an dem prestigeträchtigen Frauencollege auf, das der Harvard Universität angeschlossen ist. Sie sind grundverschieden und jede verfolgt ihren eigenen kleinen Traum mit dem Studium. Was sie gemeinsam haben: bis zum Examen einen Ehemann zu finden. Trotz aller Verheißungen, die ein Studienabschluss mit sich bringt, trotz der Tatsache, dass sie einer Elite angehören, sind sie sich der Erwartungen der Gesellschaft wohl bewusst und die lauten Ehe und Mutterschaft. Zwanzig Jahre später. Das Radcliff College lädt Absolventinnen verschiedener Jahrgänge zu ihren Abschlussjubiläen ein, darunter auch Daphne, Emily, Annabel und Christine, die nun eine jede für sich ein Zwischenfazit zieht: Was ist aus den Träumen von damals geworden? Ist ihr Leben gut so, wie es ist, auch wenn sich nicht alles erfüllt hat? Kann man Versäumtes jetzt noch nachholen?

 

Worum geht’s wirklich?

Die Welt war so groß begleitet Daphne, Emily, Annabel und Christine durch zwei Jahrzehnte – von den Collegejahren bis hin zum zwanzigjährigen Abschlussjubiläum. Der Roman beginnt mit der Ankunft der vier jungen Frauen am Radcliff College. Noch kennen sie sich nicht, aber sie sind Zimmernachbarinnen und im Laufe der gemeinsamen Zeit werden sie auf eine gewisse Art Freundinnen. Es sind die Fünfzigerjahre und die gesellschaftlichen Regeln sind unmissverständlich, genauso wie die Hausregeln am College. Obgleich sie beide durchaus als Hindernis für die eigene Entwicklung wahrnehmen, kommen sie niemals auf die Idee, sich dagegen aufzulehnen, im Gegenteil, sie sind bemüht ihnen bestmöglich gerecht zu werden. Zum Zeitpunkt ihres Klassentreffens ist die Welt eine gänzlich andere, nicht zuletzt wegen der Frauenbewegung.

 

Wie liest es sich?

Die Erzählung rund um die vier Frauen Daphne, Emily, Annabel und Christine wird eingeklammert von ihrer Ankunft am Radcliff College und dem zwanzigjährigen Abschlussjubiläum. Sie wendet sich dabei immer abwechselnd den einzelnen Protagonistinnen und weiteren bedeutsamen Figuren zu, berichtet mal eingehend über ihr Innenleben im Vergleich zu den äußeren Entwicklungen, mal werden größere Zeitspannen stark gerafft wiedergegeben. Die Beschreibungen sind jedoch durchgängig sehr dicht, fast schon von epischem Charakter. Trotz reichlicher Details leiden die Erzählstränge nicht; die Handlung ist griffig und nachvollziehbar, auch, weil die Charaktere in all ihren Facetten glaubhaft sind. Es könnte sich alles genau so abgespielt haben. Die Welt war so groß ist im Grunde ein Gesellschaftsporträt aus weiblicher Perspektive, aber ohne dabei explizit zu werten. Ein zentraler Gedanke ist, ob man nicht irgendwie ein Kind seiner Zeit bleibt, sich gesellschaftlichen Zwängen unterwirft, auch dann noch, wenn sie schon lange nicht mehr gelten. Zugleich muss man sich die Frage gefallen lassen, ob das Verhaftetbleiben an das, was als „das Normale“ gilt, nicht auch eine Art Kapitulation ist, ein feiges Ausweichen angesichts der Hindernisse, die man bewältigen müsste, um dorthin zu kommen, wo man eigentlich sein möchte. Fehlender Mut wird zum faulen Kompromiss. Und dafür ist niemand anderes verantwortlich als die Betreffende selbst.

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Der Roman erschien erstmals 1981 im Rowohlt Verlag unter dem Titel Die Schulfreundinnen. Ein Klassentreffen nach zwanzig Jahren [Originaltitel: Class Reunion]. Dass dieser Titel nicht beibehalten wurde, ist wenig verwunderlich… (und wäre rechtlich vermutlich ohnehin nicht möglich gewesen). Der neue Titel Die Welt war so groß ist in meinen Augen jedoch auch nicht gerade gelungen. Davon abgesehen, dass ich ihn nichtssagend finde (ich erinnere daran, dass ich eingangs sagte, dass ich den Roman wegen des Titels beinahe ignoriert hätte), bin ich der Meinung, dass er den Kern nicht trifft. Natürlich stand den vier jungen Frauen nach ihrem Examen prinzipiell die Welt offen, dann aber wiederum eben nicht, da ihre persönlichen Wünsche in der Gesellschaft, in der sie aufwuchsen, nur schwer realisierbar gewesen wären. Sie wurden nicht dazu erzogen, ihren eigenen Weg zu gehen. Die Erkenntnis, dass sie Chancen vertan haben, kommt ihnen erst in der Rückschau und sie ist gekoppelt an die Frauenbewegung, die ihnen ein neues Selbstverständnis ermöglicht. Mit dem Cover konnte ich mich im Laufe der Zeit anfreunden. Ich denke aber, dass Die Welt war so groß in der aktuellen Aufmachung keine männlichen Leser für sich gewinnen wird, was schade wäre.

 

Lohnt es sich?

Nach anfänglicher Skepsis war ich von Die Welt war so groß sehr schnell begeistert. Mein erster Eindruck, es handle sich um einen klassischen Fall von Lebensrückschau, nur um darüber ins Zweifeln zu geraten, ob denn alles gut ist wie es ist, hat sich so nicht bewahrheitet. Ich würde sogar sagen, dass der Roman mit zu den besten Büchern zählt, die ich dieses Jahr gelesen habe. Er ist schlicht, aber keineswegs belanglos. Man sollte beim Lesen unbedingt im Kopf behalten, dass Die Welt war so groß im Original bereits 1979 erschien, also vor einem gänzlich anderen gesellschaftlichen Hintergrund. Es ist spannend darüber nachzudenken was sich seitdem wiederum alles verändert hat. Auch wenn Frauen heute noch in gewissen gesellschaftlichen Korsetts feststecken und in mancherlei Hinsicht nicht dieselben Entfaltungsmöglichkeiten haben wie Männer, ist es wichtig, sich bewusst zu machen wieviel sich in wenigen Jahrzehnten gewandelt hat, dass Frauen heute Möglichkeiten haben, von denen unsere Großmütter nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Und noch entscheidender ist es, das nicht als selbstverständlich gegeben hinzunehmen, sondern dafür Sorge zu tragen, dass die Veränderungen hier nicht aufhören, sondern weiter vorangetrieben werden. Zugunsten aller!

 

Rona Jaffe: Die Welt war so groß. Aus dem Amerikanischen von Margarete Längsfeld. Ullstein (2018).

[Danke an voarblesen.de]