Mit der Faust in die Welt schlagen

[Werbung/Rezensionsexemplar]

 

Tobi wachte auf und ging zum Schreibtisch, wo er sich einen kleinen Zettel nahm. Er malte einen Panzer, wie er sich einen Panzer vorstellte, und ließ ihn durch eine rote Pfütze fahren. Er schrieb mit demselben roten Stift „Krieg“ darüber. Daneben ein Fragezeichen. Unten im Wohnzimmer sahen Mutter und Vater fern.

 

Warum dieses Buch?

Mein Interesse wurde durch den Titel geweckt: Mit der Faust in die Welt schlagen lässt Ahnungen hochkommen von Frust, Hoffnungslosigkeit, vielleicht Trostlosigkeit, in jedem Fall aber Unmut. Der zugehörige Klappentext bestätigte diese erste Intuition und die Leseprobe machte schließlich Lust auf mehr. Ich habe mich wirklich sehr gefreut, als ich den Roman aus dem Briefkasten angelte. Die Freude hielt bedauernswerterweise nicht lange an…

 

Worum geht’s?

Die Brüder Philipp und Tobias wachsen in einem Dorf in der sächsischen Provinz auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Anfang einer vielversprechenden Zukunft zu sein, immerhin gehören sie nun zu denen, die den Plattenbauten entfliehen können. Der Trostlosigkeit entkommen sie jedoch nicht: der bröselnde Schornstein des stillgelegten Schamottwerkes; die von den Tagebauten zerklüftete Landschaft; Uwe, der sich jeden Tag betrinkt und schließlich ertränkt… alles Zeugen der Ereignislosigkeit, die die beiden tagtäglich umgibt. Etwas Abwechslung bringt der jährliche Rummel, auf dem die Männer sich erst betrinken und anschließend prügeln. Und dann sollen eines Tages Flüchtlinge in ihrem Heimatort aufgenommen werden. In Dresden kommt es zu Aufmärschen und die Perspektivlosigkeit hat plötzlich ein Ventil.

 

Wie liest es sich?

In Mit der Faust in die Welt schlagen geht es um Frust, Perspektivlosigkeit, Trostlosigkeit … Kein Nährboden also für eine erheiternde, leichte Lektüre, soviel ist klar. Auch, dass die dargestellte tagtägliche Gleichförmigkeit keinen Platz für stilistische Schnörkelei lässt, ist nicht nur erwartbar, sondern dem Thema überaus angemessen. So weit, so gelungen. Aber dann wird es bereits problematisch. Kurze Sätze bilden kurze Kapitel, die kurze Inhalte abbilden – dadurch bekommt das Erzählte ein ziemlich zügiges Tempo. Zugleich passiert aber nichts. Wobei das so auch nicht stimmt, es passiert schon etwas, es ist nur nicht unbedingt sichtbar. Das Wesentliche findet unterhalb der Oberfläche statt. Das macht die Lektüre anstrengend, was nicht zwingend schlecht sein muss, ich fand es allerdings sehr schwierig, das als Dauerzustand zu ertragen und also am Ball zu bleiben. Darüber hinaus finden immer wieder von einem Satz zum nächsten unerwartete Zeit- und Inhaltssprünge statt, nur um dann sofort wieder ins jeweilige Jetzt zurückzukehren. Es gibt an diesen Stellen keine Absätze, stattdessen stolpert man beim Lesen einfach, ist kurz verwirrt und muss sich gedanklich sortieren. Schon allein deshalb ist es nicht möglich, Mit der Faust in die Welt schlagen mal eben so „wegzulesen“. Auch bleiben die Figuren allesamt merkwürdig flach, einschließlich der beiden Brüder, um die es in dem Roman eigentlich geht. Die (namenlosen) Eltern und Großeltern schweben wie graue Schatten durch die Erzählung, sind immer präsent, aber nie greifbar. Die Figuren in Mit der Faust in die Welt schlagen sind letztlich austauschbare Platzhalter, zu denen ich keinerlei Bezug aufbauen konnte. Sie blieben mir fremd und unverstanden. Ich hatte nicht einmal Motivation, sie verstehen zu wollen.

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Mit der Faust in die Welt schlagen wurde als großer Wurf gefeiert, als eines der besten Debüts des Jahres. Mit dieser Meinung gehe ich nicht mit. Reicht es aus, zum richtigen Zeitpunkt das richtige Thema aufzugreifen? Sicherlich nicht. Dennoch wird in vielen Rezensionen vorrangig der gelungene Aktualitätsbezug gepriesen – über das schriftstellerische Können sagt das jedoch nichts aus. Mich persönlich konnte Lukas Rietzschel diesbezüglich nicht überzeugen, obgleich ich nicht behaupten möchte, er hätte kein Talent. Ich glaube, sein Stil liegt mir nur einfach überhaupt nicht.

 

Lohnt es sich?

Sehr wahrscheinlich ist alles, was ich kritisiert habe, genau im Sinne des Autors. Seine Intention, nämlich die Monotonie im Leben der Beteiligten abzubilden, und damit auf den Grund allen Übels zu verweisen, ist damit letztendlich auf gewisse Weise ziemlich gut geglückt. Leider jedoch hat sich bei mir auch Monotonie beim Lesen breitgemacht. Ich habe mich sehr auf diesen Roman gefreut, da mich die Leseprobe von Mit der Faust in die Welt schlagen ziemlich beeindruckt hatte. Aber was für eine Enttäuschung! Ich habe die Lektüre auf Seite 120 abgebrochen.

 

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen. Ullstein (September 2018).

[Danke an vorablesen.de]