Grandhotel

Ich sehe das noch wie heute. Es ist Frühling. Ich stehe auf dem Berg, auf der Terrasse, putze mir die Nase, unter mir die Stadt, die zu meinem Schicksal geworden ist, die mir, ohne dass ich es gewollt hätte, nicht aus dem Kopf will. Ich stehe auf dem Berg, hinter meinem Rücken ist das Grandhotel und vor mir das schiefe Kreuz mit Jesus, der von unserer Terrasse ins Tal blickt und ein Gesicht macht, als ob er alles wissen und verstehen würde, aber vielleicht versteht er gar nichts, vielleicht ist es nur unser seliger Wunsch, dass wenn wir es schon nicht können, er für uns alles versteht.

 

Warum dieses Buch?

Tschechien wird Gastland auf der Leipzig Buchmesse 2019 sein, was mich geradezu euphorisch werden lässt und dazu geführt hat, dass ich mich kürzlich mit einem nicht unbeachtlichen Stapel tschechischer Literatur eingedeckt habe. Für Tschechien schlägt mein Herz deshalb ganz besonders laut, weil dort ein Teil meiner Wurzeln liegt – mein Vater ist Tscheche. Leider bin ich nicht zweisprachig aufgewachsen, so dass ich die tschechischen AutorInnen nicht im Original lesen kann, aber das wäre schlussendlich ohnehin wenig zweckdienlich, da sicherlich die allerwenigsten meiner Blogbesucher des Tschechischen mächtig sind… Um deutsche Übersetzungen würde also so oder so kein Weg vorbeiführen. Grandhotel von Jaroslav Rudiš ist das erste Buch aus meinem Vorrat tschechischer Literatur, das ich euch vorstellen möchte.

 

Worum geht’s?

Fleischman – seinen Vornamen hat er abgelegt – arbeitet als Mädchen für alles im Grandhotel, das hoch oben auf dem Ještěd über der Stadt Liberec thront. Er ist ein Sonderling, unbeliebt und letztendlich einsam, aber an seinen Mitmenschen liegt ihm ohnehin eher wenig. Seine Leidenschaft gilt dem Wetter. Mehrmals täglich nimmt er Messungen vor und studiert die Wolkenbewegungen, die er penibel in einem Diagramm erfasst. Die Stadt hat er noch nie verlassen. Er möchte es gerne, hat aber zugleich panische Angst davor: weiter als bis zur Stadtgrenze hat er es noch nie geschafft. Zusammen mit einer Psychotherapeutin versucht er dieser Angst auf den Grund zu gehen. Und dann hat er plötzlich eine Idee, wie er der Stadt endlich entkommen kann.

 

Worum geht’s wirklich?

Das Grandhotel, ein futuristischer, raketenförmiger Bau, das über den Wolken zu schweben scheint, ist ein Sammelbecken verlorener Seelen. Fleischman, obgleich der merkwürdigste Charakter unter ihnen, ist nicht der einzige mit einem unverkennbaren Spleen. Vielleicht jedoch der einzige, der sich seiner Merkwürdigkeit bewusst ist. In einer Art Tagebuch – eine Idee seiner Therapeutin – hält er Lebensereignisse und Gedanken fest, beobachtet seine Mitmenschen und gibt Dinge preis, die er sich in den Therapiestunden nicht auszusprechen getraut. Ganz allmählich nimmt Fleischman für den Leser so Gestalt an.

 

Wie liest es sich?

Fleischman ist der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans Grandhotel, der sich aus kurzen Kapiteln zusammensetzt, die am Ende wie ein Mosaik zusammenwirken. Im Plauderton, unbedarft und oftmals naiv, berichtet er von seinem Leben im Grandhotel, wie er dorthin kam, was sich dort ereignet und was er sich eigentlich wünscht. Die Berichte wirken zuweilen ein wenig wirr, in jedem Fall spontan wiedergegeben und folgen im Grunde einfach den Gedankengängen Fleischmans. Die Perspektivlosigkeit des Protagonisten und seine traurige Gestalt scheinen zu der fast schon lakonischen Sprache im Widerspruch zu stehen; die Nüchternheit, mit der Fleischman die Dinge betrachtet und wiedergibt, ist gelegentlich irritierend, letztlich aber nur Ausdruck seiner Unsicherheit. Diese Unsicherheit hat etwas Anrührendes und obgleich man ihn schütteln möchte, obgleich er unfraglich einen gewaltigen Sockenschuss hat, kommt man als Leser nicht umhin, eine gewisse Sympathie für Fleischman zu empfinden. Die illusionslose Schmucklosigkeit seines Lebens ist nämlich nicht leidenschaftslos. Im Gegenteil spielen Gefühle eine herausragende Rolle.

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Die allerersten Seiten sind eine gewisse Herausforderung: das Geschilderte wirkt profan, und als Leser weiß man nicht, ob sich Fleischman als dünner, nichtssagender Charakter oder als Überraschung entpuppen wird. Ich habe dann aber doch ziemlich schnell Gefallen an dem Erzählstil gewonnen.

 

Lohnt es sich?

Grandhotel von Jaroslav Rudiš wird sicherlich nicht zu meinen Favoriten des Jahres zählen, dennoch kann ich den Roman zweifelsohne weiterempfehlen. Er ist kurzweilig, unterhaltsam aber dabei keineswegs trivial. Die Charaktere sind großartig gezeichnet, allesamt lebensecht trotz der Tatsache, dass sie beinahe schon überzogen wirken. Vielleicht aber gerade deshalb: in der Ausgeprägtheit ihrer Marotten, die wiederum Ausdruck ihrer Ängste sind, liegt das alltäglich Traurige und Tragische.

 

Jaroslav Rudiš: Grandhotel. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Sammlung Luchterhand (2008).