Die Hochzeit der Chani Kaufman

Mrs Gelbman stand plötzlich an ihrer Seite. Ungebeten ließ sich die Jente nieder und nahm sich ein Stück Schokolade. Oben auf ihrem Scheitel trug sie ein scheußliches Gebilde aus schwarzen Federn und gehäkelter Wolle. Sie hatte sich von ihrem Gewinn eindeutig etwas gegönnt.

 

Warum dieses Buch?

Im Sommer war ich auf Stippvisite in der Buchhandlung Passepartout in Bad Rappenau. Dort bat ich die liebe Corinna um eine Empfehlung und – lange Rede, kurzer Sinn – das kam dabei heraus. Mit von der Partie war auch Alexandra, von der ich passend dazu Unorthodox von Deborah Feldman ans Herz gelegt bekam. Doch dazu werde ich mich in einem eigenen Beitrag äußern.

Schön war er, der Ausflug in die heimatliche Buchhandlung, in der ich schon zahlreiche Male war. Jetzt kenne ich auch die Frau, die mir in der Vergangenheit schon das eine oder andere Buch verkauft haben dürfte, persönlich. Danke Instagram für die Zusammenführung!

 

Worum geht’s?

Rebecca, die Frau des strenggläubigen Rabbiners Chaim, lernte ihren späteren Mann als sehr junge Frau  kennen. Mit ihm erlebte sie einst freie Liebe, Neugierde auf das Leben, Unbeschwertheit. Nun ist sie  Mitte Vierzig und eine nahmhafte Person in einer othodoxen, jüdischen Gemeinde Mitten in London. Was hier zählen sind das Ansehen bei den Gemeindemitgliedern, ein tadelloser Ruf, die Erfüllung aller Mizwot (Gebote der Tora). Statt luftiger Sommerkleider trägt sie nun dunkle Wollröcke – auch im Sommer – und bedeckt ihr langes Haar mit einer Perücke, um es vor den Blicken anderer Männer zu schützen. Sie würde gerne ihr grünes Fahrrad fahren, aber Chaim findet das unschicklich und so muss sie es bleiben lassen.

Chani, jene titelgebende Protagonistin, ist eine junge Frau aus Rebeccas Gemeinde. Sie ist die sechste von acht Töchtern und stammt aus einer strengorthodoxen Familie, sie besuchte eine Mädchenschule und arbeitet an dieser nun als Hilfslehrerin. Sie sorgt für den reibungslosen Ablauf des Kunstunterrichts: saubere Pinsel, saubere Tische, geordnete Materialien. Sie wäre clever genug, um eine Sem (religiöse Hochschule) zu besuchen, aber daran ist sie nicht interessiert. Chanis vorrangiges Interesse gilt im Moment der Suche nach einem Ehemann, immerhin ist sie eine der wenigen Gleichaltrigen, die noch nicht verheiratet ist. Der Druck nimmt spürbar zu, auch von außen. Zugleich ist Chani nicht bereit, den Nächstbesten zu nehmen, um das nächstbeste Leben zu führen. Sie ist fest davon überzeugt, dass es mehr geben muss als Jahr für Jahr ein Kind zu gebären. Und dann trifft sie Baruch. Bei ihrem dritten Date macht er ihr den herbeigesehnten Antrag – der Weg heraus aus ihrem bisherigen Dasein. Genau wie Chani ist Baruch interessiert am Leben jenseits der Verbote und Vorschriften, genau wie sie, möchte er nicht sofort eine Familie gründen, sondern erst einmal sich selbst verwirklichen. Wie einst Chaim, hat Baruch einen Studienplatz in Jerusalem und wird, gemäß Wunsch seiner Eltern, Rabbiner werden. Chani wird ihn begleiten.

 

Worum geht’s wirklich?

Im Grunde verlaufen zwei Geschichten parallel aber in entgegengesetzte Richtungen. Während das eine Paar seine Liebe zu finden scheint, verliert das andere sie. Was bei den einen im Werden ist, ist bei den anderen im Vergehen. Chani und Baruch sind die jüngeren Ausgaben von Rebecca und Chaim, die einst ebenfalls voller Neugierde, Lebenshunger und Enthusiasmus waren und dabei sogar freier als Chani und Baruch es jemals kannten, denn sie stammen aus liberaleren Familien. Mit zunehmender Religiosität allerdings kippt dies alles nach und nach in sein Gegenteil. Die Frage, mit der man als Leser zurückbleibt: Wird es Chani und Baruch nicht zwangsläufig genauso ergehen? Oder werden sie es schaffen, sich gegen diese unvermeidlich wirkende Entwicklung zu stemmen?

 

Wie liest es sich?

Beklemmung. Das war wahrscheinlich das dominierende Gefühl bei der Lektüre von Die Hochzeit der Chani Kaufman. Dicht darauf folgten Neugier, Fassungslosigkeit, Ungläubigkeit, Faszination – hier trafen bei mir wirklich viele verschiedene Gefühle aufeinander. Für mich persönlich ist das alleine bereits ein Zeichen für eine gut erzählte Geschichte. Eines der wichtigsten Gefühle war vermutlich Hoffnung – die Hoffnung, dass Chani und Baruch nicht dasselbe Schicksal der Trostlosigkeit ereilt, das Rebecca und Chaim am Ende entzweit hat. Können sie es schaffen, ihren Lebenshunger aufrechtzuerhalten, ohne in der unglückseligen Gleichförmigkeit zu enden, die das orthodoxe Leben unausweichlich bereitzuhalten scheint? Zugleich ist der Zweifel groß, dass ihnen dieses Kunststück gelingen wird, denn Baruchs Lebensweg scheint vorgegeben und somit auch der von Chani. Und auch der Start in ihr gemeinsames Leben ist alles andere als vielversprechend…

Der abgebildete Zeitraum erstreckt sich nur über einige wenige Monate, etwa ein halbes Jahr, gespickt mit Rückblenden aus den ersten gemeinsamen Jahren von Rebecca und Chaim. Ein beliebter chronologischer Aufbau, der hier wunderbar funktioniert, denn er treibt die Geschichte nicht nur voran, sondern belebt sie. Das Vorleben des nun strengorthodox lebenden Rabbinerpaares wird in wohl bemessenen Dosen preisgegeben: nicht zu viel, so dass man sich nicht langweilt, weil man bereits eine Ahnung hat, was passieren wird, aber auch nicht zu wenig, so dass man sich nicht langweilen muss, weil sich die Geschichte nicht ausreichend schnell entwickelt. Zudem wird die gegensätzliche Entwicklung von Rebecca und Chani erst allmählich deutlich, was einen angenehmen Spannungsbogen erzeugt, der dem Erzähltempo angemessen ist.

Die Sprache ist unaufgeregt, versucht nichts Neues und schafft es somit, das Dargestellte wertungsfrei zu übermitteln. Zudem ist die Handlung recht aufwühlend und schreitet zügig voran, da wäre ein aufregender Stil obendrauf zu viel des Guten.

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Tatsächlich habe ich mich an einer Sache gestört, ohne dass ich es jedoch besser wissen könnte: Die Tatsache, dass Chani keine Vorstellung davon hat, was in der Hochzeitsnacht zwischen ihr und Baruch geschehen muss(!), kann ich so nicht gänzlich glauben.

Die Rabbinerin Rebecca klärt Chani zu einem gewissen Grad auf, lässt das Wesentliche aber im Dunkeln. Chani ahnt, dass es um etwas gehen muss, dass der Mann zwischen seinen Beinen hat. Was es damit genau auf sich hat, findet sie aber nicht heraus. Und hier setzen meine Zweifel an: Auf der einen Seite wird sie natürlich von jeder Aufklärung und jeder Körperlichkeit ferngehalten; selbstverständlich hat sie (eigentlich) noch nie einen nackten Mann gesehen. Dann aber wiederum lebt sie mitten in London: Sie kennt Reklametafeln mit Bikinimodels und entschließt sich, für die Hochzeitsnacht Dessous zu kaufen, da sie zu wissen glaubt, dass Männern so etwas gefällt. Sie hat bereits ihre eigene Lust erkundet. So ganz passt das nicht mit der absoluten Unwissenheit zusammen, die ihr unterstellt wird.

 

Lohnt es sich?

Oh ja! Ganz dringende Leseempfehlung wenn man portraithafte Darstellungen mag. Und sowieso für alle, die am Judentum interessiert sind (so wie ich). Es hat tatsächlich ein paar Tage gedauert, bis ich realisiert habe, dass das mein erster Roman war, der das Judentum thematisierte, ohne einen vorrangigen Bezug zum Holocaust zu haben. Das war eine etwas bedrückende Erkenntnis, zeigt sie doch, wie sehr es mit dem Dritten Reich konnotiert zu sein scheint, obgleich es so viel mehr Facetten gibt. Und bevor jemand meckert: Ich habe nicht die Absicht, die Schrecklichkeit des Holocaust herabzuspielen. Es geht mir darum aufzuzeigen, wie sehr wir davon geprägt sind: Judentum und Holocaust sind praktisch ein Gedanke. Ich finde es befreiend, dass das hier nicht der Fall war.

 

Eve Harris: Die Hochzeit der Chani Kaufman. Diogenes (2015).