Vom Schlafen und Verschwinden

Andreas wusste genauso gut wie ich, dass Lutz damals Ochsenfrösche besessen hatte. Er hatte sie sich in einer Zoohandlung in der Stadt besorgt. Sein Vater hatte es erlaubt, denn der verstand den Wunsch nach einem Tier, das nicht zum Liebhaben war.  

 

Warum dieses Buch?

Auf meiner Leseliste für 2018 steht „Ein Buch von einer Namensvetterin“. So musste also zunächst eine Autorin mit dem Vornamen Katharina her. Das war schon überraschend schwer, da ich den Eindruck hatte, dass es nicht so viele schriftstellernde Katharinas gibt wie erwartet (dafür aber offenkundig einige Übersetzerinnen). Dann sprachen mich die Genres (sprich: Kitsch) oftmals nicht an, so dass die Wahl schlussendlich auf Katharina Hagena fiel, von der ich schon einmal etwas gelesen hatte, jedoch nicht endgültig überzeugt gewesen war. Aber jede/r hat ja eine zweite Chance verdient…

 

Worum geht’s?

Ellen ist Schlafforscherin. Gerade arbeitet sie an einer Publikation zum Thema Schlaf, kommt aber nur mühsam voran, da sie selbst an Schlaflosigkeit leidet. In den durchwachten Nächten, über die sich die Ereignisse erstrecken, durchlebt Ellen die verschiedenen Stationen ihres Lebens. Sie denkt über ihre Tochter Orla nach, mit der sie nach weit über einem Jahrzehnt in Irland zunächst wieder in ihr eigenes Heimatdorf zurückgekehrt ist. Und natürlich über Orlas Väter, den biologischen wie den sozialen. Dann gibt es da noch Joachim, ihren eigenen Vater und Orlas Großvater, ihre Mutter Heidrun, die im Vergessen versinkt, ihren Jugendfreund Andreas, der nicht mehr spricht, weil das Unaussprechliche eben keine Worte kennt, ihren wesentlich jüngeren Liebhaber Benno oder die seltsame Marthe aus dem Chor, die Ellen eigentlich gar nicht wahrnimmt, weil alle Vorgenannten so viel präsenter sind.

 

Wie liest es sich?

Ich habe Vom Schlafen und Verschwinden erst beim zweiten Anlauf durchgezogen und selbst da musste ich mich mühen, am Ball zu bleiben. Es geht einigermaßen vielversprechend los, bricht dann aber sofort ein und bekommt erst ab der Hälfte wieder Wind in die Segel – eine Irrsinnsfahrt ist die Lektüre aber auch dann nicht. Schon nach wenigen Seiten wusste ich, wie alles zusammenhängt, wie die Personen miteinander verflochten sind und auf was die Ereignisse hinauslaufen werden. Auch stilistisch konnte mich der Roman nicht überzeugen. Protagonistin Ellen erzählt aus ihrem Leben, durchbrochen von Einschüben aus persönlichen Aufzeichnungen von Marthe. Aus diesen beiden Perspektiven auf dasselbe Geschehen entwickelt sich die Erzählung und der Leser erfährt nach und nach was vor vielen Jahren passierte (wenn man es eben nicht schon vorher durchschaut). Leider gelingt es der Autorin dabei nicht, beiden Frauen einen eigenen Duktus zu verleihen. In Wortwahl und Gedankengang ähneln sie sich sehr, und wären Marthes Aufzeichnung nicht typografisch abgesetzt, könnte man sie und Ellen stilistisch nur schwerlich auseinanderhalten (natürlich unterscheiden sich die Inhalte). Am Gravierendsten wurde mein Lesevergnügen jedoch durch das massenhafte Anhäufen von Schlaf getrübt: Schlafforschung, Schlafwandel, Schlaflied, Tiefschlaf, Schlaflosigkeit, Entschlafen, Sekundenschlaf, Winterschlaf, Beischlaf … bis dahin, dass der Chor, in dem Ellen und ihre Tochter mitsingen, Come heavy sleep probt (und zwar nur dieses eine Stück). Dem einen mag es ein kunstfertiger Kniff sein, so viele Aspekte des Schlafes auf nicht einmal 300 Seiten unterzubringen. Ich für meinen Teil war davon genervt. Es erweckte bei mir den Eindruck als hätte Hagena alles rund um das Thema zusammengetragen, was sie finden konnte oder was der Zufall ihr zugespielt hatte und das dann verwurstet.

 

Lohnt es sich?

Nach Der Geschmack von Apfelkernen hatte ich mir mehr erhofft. Zwar war ich auch davon schon nicht restlos begeistert, da es für mich zu viel Chick-Lit-Charakter hatte, aber dennoch wollte ich der Autorin gerne eine zweite Chance geben. Ich entschied mich für Vom Schlafen und Verschwinden, da es von anderen Lesern besser bewertet wurde als ersteres. Mir persönlich hat es jedoch ganz entschieden weniger gefallen und eine echte Empfehlung kann ich nicht aussprechen, eine ausdrückliche Nichtempfehlung aber zugleich auch nicht. Ich befürchte hier liegt ein typischer Fall von ‚persönliche Geschmackssache‘ vor… Das nächste Mal versuche ich es vielleicht mit Katharina Adler.

 

Katharina Hagena: Vom Schlafen und Verschwinden.
Kiepenheuer & Witsch (September 2012).