Alchimie einer Mordnacht

 

[Werbung/Rezensionsexemplar]

Als er durch die Tür trat, musste er sich bücken – in diesen engen Räumlichkeiten wirkte er noch größer als bei den vorherigen Gelegenheiten, bei denen ich ihn hatte begutachten können. Ich begrüßte ihn so gleichmütig, wie es mir möglich war: Bei seiner imposanten Erscheinung fühlte ich mich nie wohl in meiner Haut. Meine Wohnstatt und alles darin, und ganz besonders ich selbst, wirkten durch seine Anwesenheit verkleinert. Dieser große, trauernde Mann ohne Lächeln legte sich über diesen Ort wie der Schatten einer Wolke an einem Sommertag, sodass das Licht plötzlich düster wurde und alles zu schrumpfen schien.

 

Warum dieses Buch?

Ungeachtet des wunderschönen Covers, auf dem die Karlsbrücke in Prag zu erkennen ist, sprach mich Alchimie einer Mordnacht von Benjamin Black zunächst überhaupt nicht an. Ich fand den Titel wenig reizvoll und der Klappentext machte mich kaum neugierig. Schlussendlich warf ich dann aber doch einen Blick in die Leseprobe und siehe da, gleich mit dem ersten Satz war ich mittendrin in der Geschichte. Die Freude war groß, als ich den Roman einige Zeit später in meinem Briefkasten fand, zugesandt als Rezensionsexemplar.

 

Worum geht’s?

Der junge Gelehrte Christian Stern bricht im Winter 1599 von Würzburg nach Prag auf, in der Hoffnung, dort am Hofe von Kaiser Rudolf II Karriere machen zu können. Gleich in der ersten Nacht findet er nahe der Burg die Leiche einer jungen Frau, offensichtlich besseren Standes. Obgleich ihm eine innere Stimme sagt, dass er sich besser ungesehen vom Tatort entfernen sollte, entschließt er sich dazu, den Fund bei der Stadtwache anzuzeigen. Trotz aller Bekundungen seiner Unschuld, steht Christian Stern daraufhin zunächst selbst unter Verdacht und sein Schicksal scheint besiegelt. Doch dann wenden sich die Ereignisse auf unerwartete Weise und der junge Mann sieht sich vom Kaiser höchstselbst mit der Aufklärung des Mordes beauftragt. Seine Ermittlungen führen ihn tief in das Herz des kaiserlichen Hofes.

 

Worum geht’s wirklich?

Alchimie einer Mordnacht ist ein Kriminalroman, der an einen mehr oder minder wirklichkeitsgetreuen historischen Schauplatz angesiedelt ist. Bei dem Protagonisten Christian Stern handelt es sich um einen fiktiven Charakter. Kaiser Rudolf II, seine langjährige Geliebte Katharina Strada, mit der er mehrere Kinder hatte, darunter Don Julio, die Alchemisten John Dee und Edward Kelley sowie zahlreiche weitere Figuren, die in dem Roman ihren Auftritt haben, waren dagegen real existierende Personen. Ihre Darstellung im Roman entspricht nicht zur Gänze den historischen Tatsachen, ihre Einbettung in eine düstere Atmosphäre gezeichnet von Aberglaube, Machtmissbrauch, Täuschung, Lüge und dergleichen mehr, spiegelt dagegen sehr wohl die vorherrschende Moral jener Zeit wieder. Der Protagonist ist zum Zeitpunkt der Geschehnisse aufgrund seines jungen Alters recht unbedarft und lässt sich leicht blenden. Er ist von der Gunst des Kaisers geschmeichelt und merkt darüber nicht, dass er zum Spielball aller Beteiligten wird.

 

Wie liest es sich?

Wie bereits gesagt, war ich vom ersten Satz an mittendrin im Geschehen. Dem Autor gelingen sehr stimmungsvolle Schilderungen. Die unbehagliche Atmosphäre am Hof von Kaiser Rudolf II, der ein schwacher, merkwürdiger Regent ist, und bei dem man genauso schnell in Gnade wie in Ungnade fallen kann, hat sich beim Lesen sofort auch auf mich übertragen. Ich konnte regelrecht spüren, wie dünn das Eis ist, auf dem sich alle bewegen. Ich konnte nachempfinden, wieso sich jeder selbst der Nächste ist. Authentisch wirken auch die Charaktere, die allesamt sehr plastisch dargestellt werden. Die Paarung aus Naivität und Hochmütigkeit, die den Protagonisten Christian Stern selbst am Ende des Romans noch kennzeichnet, wenn auch in abgemilderter Form, verhindert, dass er sich zu einer durchweg sympathischen Leitfigur mausert. Man fühlt und fiebert als Leser mit ihm mit, ohne ihn jedoch zu irgendeinem Zeitpunkt zu einer Art Held zu stilisieren. Obgleich clever und einsichtig, er lernt schnell vorsichtiger zu sein, gelingt es ihm doch nie ganz, die Ränkeschmiede am Hof zu durchdringen und schwebt dadurch in permanenter Gefahr. Dessen ist er sich jedoch nicht zu jedem Zeitpunkt bewusst oder möchte es möglicherweise einfach nicht sein. Daraus resultiert ein glaubhafter, da unperfekter Charakter.

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Obwohl ich die Darstellung im Gesamten als sehr stimmungsvoll empfand, gab es vereinzelte Momente, bei denen ich mich doch arg an der Wortwahl störte. Da mir das englische Original nicht vorliegt, kann das Folgende nur für die deutsche Übersetzung gelten, die an besagten Stellen von mir als nicht besonders gelungen empfunden wurde. Angesichts des historischen Schauplatzes ist der Duktus natürlich recht altertümlich. Hier und da wählte die Übersetzerin jedoch Ausdrucksweisen, die nach meinem Empfinden nicht immer zu passen scheinen. So lässt sie den Protagonisten, aus dessen Perspektive die Geschehnisse übrigens berichtet werden, beispielsweise sagen: „Und außerdem, warum verhörte er mich auf diese streitsüchtige Art und Weise? Ich hatte nichts angestellt“ (Seite 27). Oder: „[…] und die brennenden Enden der zwei Hälften plumpsten in einem knisterten Funkenregen verquer auf den Steinboden der Feuerstelle“ (Seite 32). Ersteres erscheint mir für die Zeit zu modern und zweiteres zu wenig gehoben. Auch wenn Christian Stern weniger gelehrt ist, als er andere glauben machen möchte, einschließlich sich selbst, ist „plumpsen“ meiner Meinung nach zu umgangssprachlich, um von ihm gebraucht zu werden. Stellenweise fehlte es mir wiederum ein wenig an Kreativität. So heißt es beispielsweise an einer Stelle: „Wir waren bei der großen Tür eines feinen, breiten, hohen Hauses angekommen“ (Seite 83), nachdem erst kurz zuvor von einem breiten Gang und einer breiten Treppe die Rede war. Auch wenn der Originaltext an dieser Stelle möglicherweise nichts anderes als „broad“ anbietet, denke ich, dass man hier sprechendere Lösungen hätte finden können (spontan würde mir zum Beispiel „ausladend“ einfallen). Zuletzt ein Beispiel, von dem ich annehme, dass es sich hier um einen klassischen it-Fall handelt: Im englischen Ausgangstext steht „it“, was im Deutschen kurzerhand mit dem unpersönlichen Pronomen „es“ wiedergegeben wird, obwohl hier angeglichen werden müsste. „Trotz ihres schillernden Aussehens strahlte sie eine gewisse Verbrauchtheit aus, ihr Wesen barg eine leichte Verunreinigung; es lag beinahe greifbar auf ihr, wie eine Schweißschicht“ (Seite 148) – dem „es“ fehlt jedweder Bezug zum vorher Gesagten; es müsste „sie“, da die Verbrauchtheit bzw. die Verunreinigung, heißen. Es mögen nur Kleinigkeiten sein, aber Fehler dieser Art stellen für mich sehr wohl einen Wermutstropfen dar.

 

Lohnt es sich?

Der gesamte Roman ist sehr atmosphärisch. Wer Prag kennt, wird sich beim Lesen in der Altstadt, auf dem Hradschin und dem Goldenen Gässchen wiederfinden. Beklemmung und Düsterheit halten einen bis zur letzten Seite umfangen. Wer sich gerne ein klein wenig gruselt, an historischen Darstellungen erfreut und einem bisschen Mord und Totschlag nicht abgeneigt ist, wird an diesem Buch Gefallen finden. Und obwohl ein Mord im Zentrum steht, geht es zu keinem Zeitpunkt blutrünstig oder gewalttätig zu. Ich persönlich finde es auch viel spannender, wenn beim Lesen nicht das Blut aus den Seiten tropft.

 

Benjamin Black (Pseudonym von John Banville): Alchimie einer Mordnacht.
Kiepenheuer & Witsch (Oktober 2018).

[Als Rezensionsexemplar erhalten über vorablesen.de]