If Cats Disappeared from the World

 

On the one hand, they say that only humans have a concept of death. Cats don’t see it coming. It doesn’t cause them fear and anxiety like it does humans. And then humans end up keeping cats as pets, despite our angst over mortality, even though we know that the cat will die long before we do, causing the owner untold grief.

 

Warum dieses Buch?

If Cats Disappeared from the World von Genki Kawamura fiel mir am Hauptbahnhof Rom in die Hände, als ich kurz vor meiner Rückreise nach Deutschland noch Zeit fand, ein wenig im Buchladen zu stöbern. Das ruhige, matte Cover mit dem goldenen Schriftzug fiel mir schnell ins Auge – als Katzennärrin fühle ich mich natürlich sofort angesprochen, wenn es um Katzen geht. Ausschlaggebend für den Kauf war dann aber selbstverständlich der Klappentext, der eine ungewöhnliche Geschichte versprach.

 

Worum geht’s?

Ein junger Mann, dessen Name wir nicht erfahren, erfährt unerwartet, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hat. Was er für einen hartnäckigen Infekt hielt, erweist sich als Hirntumor im Endstadium. Als er nach Hause kommt, wartet dort auf ihn der Teufel in Gestalt seines (vollkommen ungleichen) Doppelgängers. Dieser bietet ihm einen Pakt an: Im Gegenzug für jeden Tag länger, den er leben darf, muss er eine Sache von der Welt verschwinden lassen. Der junge Mann kommt nach kurzem Überdenken zu dem Schluss, dass das in Anbetracht der zahllosen Sinnlosigkeiten, mit denen die Menschen sich umgeben, keine allzu schwierige Aufgabe sein dürfte und willigt ein.

 

Worum geht’s wirklich?

Was der junge Mann zu Beginn nicht weiß, ist, dass der Teufel bestimmt, was zu verschwinden hat und nicht er selbst. Der Teufel macht Vorschläge, denen er zustimmen oder die er ablehnen kann. Letzteres würde für ihn den Tod bedeuten. Und so sieht er sich mit der existenziellen Frage konfrontiert, was es ist, das das Leben lebenswert macht? Und was davon kann man dennoch entbehren? Bevor der Teufel ein jedes Ding am Ende des Tages von der Welt verschwinden lässt, bekommt der Protagonist eine letzte Gelegenheit, es zu benutzen. Daraufhin entspinnen sich seine Gedanken rund um das Zuverschwindende. Welche Bedeutung hat es für ihn selbst und für andere? Welcher Bezug zu seinem Leben besteht und wie wird sich das Verschwinden darauf auswirken? Als der Teufel am vierten Tag vorschlägt, Katzen von der Welt verschwinden zu lassen, bekommt der Pakt eine neue Dimension. Der junge Mann lebt mit einem Kater zusammen, der vormals seiner verstorbenen Mutter gehörte. Er ist das letzte, das von der geliebten Mutter geblieben ist, und da darüber hinaus kein Kontakt mehr zum Vater besteht, auch das letzte Familienmitglied. Auch wenn er weiß, dass der Kater ihm unter normalen Umständen im Tod vorausgehen würde, scheut er sich dennoch, seine eigene Existenz über die des Tieres zu stellen.

 

Wie liest es sich?

Der Kurzroman ist aus der Perspektive des jungen Mannes verfasst: in tagebuchartigem Stil berichtet er von den Tagen, die hinter ihm liegen, von der Diagnose, über die Begegnung mit seinem teuflischen Doppelgänger bis hin zu dem Moment, da er entscheiden muss wer gehen soll, er oder der Kater (bzw. Katzen überhaupt). Bis zum Erscheinen des Teufels scheint er sich wenig Gedanken über sich selbst und sein Leben gemacht zu haben. Aber nun muss er in kürzester Zeit elementare Entscheidungen treffen. Das schlägt sich im Erzählstil nieder: Seine Gedankengänge wirken oftmals etwas ungelenk und die meiste Zeit unvollständig. Sie sind keineswegs sonderlich oder unzutreffend, er macht kluge Beobachtungen und stellt richtige Überlegungen an, doch ertappte ich mich permanent dabei, dass ich – als Leser durchdenkt man das Ganze ja selbstverständlich auch – gänzlich andere Gedanken dazu dachte als der Protagonist. Zum Beispiel als er entscheidet, Uhren verschwinden zu lassen, und seine Betrachtungen über sein ihn unmittelbar betreffendes Umfeld eigentlich nicht hinausgehen, während ich selbst zugleich sehr groß dachte, nämlich dass damit beispielsweise sehr wahrscheinlich kein Flugverkehr mehr möglich wäre. Diese Diskrepanzen zwischen den Überlegungen des Protagonisten und meinen eigenen fand ich extrem spannend. Auf sprachlicher Ebene zeigt sich die Ungeübtheit des Ich-Erzählers ebenfalls. Der Sprache fehlt es an Literarizität, manchmal ist sie geradezu schmucklos, zum Beispiel wenn in mehreren aufeinanderfolgenden Sätzen „OK“ gesagt wird. Ich musste mich die ersten Seiten erst einmal an diese sprachliche (nicht inhaltliche!) Flachheit gewöhnen. Aber gerade dadurch wirkt das Erzählte authentisch. Eine geschliffene Rede oder Fremdwörter würden dem Ganzen die Glaubhaftigkeit nehmen.

 

Gibt es einen Wermutstropfen?

Ich tat mich immer wieder schwer damit zu ertragen, dass meine eigenen Gedanken rund um die zu verschwindenden Dinge so vollkommen anders waren als die des Protagonisten. Innerlich stritt ich manchmal ein bisschen mit ihm und fand ihn wenig weitsichtig. Dann aber wiederum machte genau das das Leseerlebnis aus. Ein echter Wermutstropfen ist das also nicht, eher eine persönliche Schwierigkeit.

 

Lohnt es sich?

Ganz bestimmt lohnt es sich If Cats Disappeared from the World zu lesen. Man wird mit der unbequemen Frage konfrontiert, was das Leben wirklich lebenswert macht und ob wir nicht allzu häufig die falschen Götter anbeten. Es ist spannend zu beobachten, welche Wandlung der Protagonist anhand dieser Frage in nur wenigen Tagen durchläuft bis hin zu dem Punkt, da er seinen eigenen Wert als existierendes Ding in dieser Welt hinterfragen muss. If Cats Disappeared from the World hat mich zum Nachdenken angeregt und ein wenig betrübt zurückgelassen. Man sollte es vielleicht nicht lesen, wenn man gerade in Hochstimmung ist, aber genauso wenig, wenn das Stimmungsbarometer im Minusbereich ausschlägt. Am besten nach der Lektüre kurz, aber intensiv nachwirken lassen und dann einer lebensbejahenden Tätigkeit nachgehen. Zum Beispiel die Katze mit Leckerlis füttern und ihr dabei elfundreißigmal sagen, wie sehr man sie liebt.

 

Genki Kawamura: If Cats Disappeared from the World. Picador (September 2018).